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Spider-Man: Brand New Day – Kritik: Endlich wieder Spider-Man statt Multiversums-Hausaufgaben

🕷️ Peter Parker ist wieder da. Also: Spider-Man ist wieder da. Peter Parker selbst kennt nämlich weiterhin keine Sau.

„Spider-Man: Brand New Day“ beginnt dort, wo „No Way Home“ uns ziemlich böse abgesetzt hat. Die Welt hat Peter Parker vergessen. MJ hat ihn vergessen. Ned hat ihn vergessen. Übrig geblieben sind ein selbst genähter Anzug, eine kleine Wohnung und ein junger Mann, der inzwischen ziemlich genau weiß, wie sich ein kompletter persönlicher Totalschaden anfühlt.

Keine anderen Spider-Men, die kurz durchs Portal hüpfen. Kein zweieinhalbstündiger Nostalgie-Zirkus. Keine Multiversums-Hausaufgaben, für die man vorher drei Serien und sieben Post-Credit-Szenen nachholen muss.

Zumindest meistens.

Denn natürlich kann Marvel auch diesmal nicht widerstehen, Hulk, Punisher, Scorpion und einige neue Figuren in die Geschichte zu werfen. Trotzdem fühlt sich „Brand New Day“ überraschend häufig wieder wie ein richtiger Spider-Man-Film an. Etwas kleiner, schmutziger und persönlicher – auch wenn spätestens im letzten Drittel wieder genug digitales Gerümpel durch New York fliegt.

Vier Jahre später – und Peter Parker ist immer noch allein

Die Handlung setzt einige Jahre nach „No Way Home“ ein. Aus dem leicht chaotischen Schüler ist ein junger Erwachsener geworden, der sich beinahe vollständig hinter seiner Maske versteckt.

Peter existiert offiziell kaum noch. Freundschaften, Familie und Zukunftspläne wurden durch den Zauber ausgelöscht. Während Spider-Man in New York weiterhin Menschen rettet, hat Peter selbst keinen wirklichen Platz mehr in dieser Welt.

Und genau darin liegt die größte Stärke des Films.

„Brand New Day“ behandelt das Ende von „No Way Home“ nicht wie einen kleinen Unfall, der nach zehn Minuten wieder repariert werden muss. Peters Einsamkeit ist keine vorübergehende Laune, sondern der emotionale Motor der Geschichte. Er hat gelernt, dass jeder Mensch in seiner Nähe zur Zielscheibe werden kann. Seine Lösung ist entsprechend simpel und ziemlich ungesund: Niemand darf ihm mehr nahekommen.

Peter Parker will nicht länger Peter Parker sein. Spider-Man ist einfacher.

Bis das natürlich nicht mehr funktioniert.

Tom Holland ist aus dem Schüleranzug herausgewachsen

Tom Holland durfte Spider-Man inzwischen mehrfach spielen, doch so erwachsen und angeschlagen wirkte seine Version der Figur bislang noch nicht.

Der ständig überforderte Schuljunge aus „Homecoming“ ist verschwunden. Holland spielt Peter ruhiger, härter und gelegentlich fast erschreckend leer. Der Humor ist weiterhin vorhanden, wirkt diesmal aber stärker wie ein Schutzschild. Ein Spruch hier, ein lockerer Kommentar dort – und bloß nicht darüber reden, wie miserabel es hinter der Maske eigentlich aussieht.

Besonders gut funktioniert der Film in den stilleren Momenten. Wenn Peter allein in seiner Wohnung sitzt. Wenn er Menschen beobachtet, die einmal seine engsten Freunde waren. Oder wenn ihm langsam klar wird, dass Verantwortung nicht automatisch bedeutet, sich selbst aus dem eigenen Leben zu streichen.

Das ist keine komplette Neuerfindung der Figur. Aber es ist eine glaubwürdige Weiterentwicklung.

Holland bekommt endlich Material, das über jugendliche Unsicherheit und Stark-Technologie hinausgeht. Sein Spider-Man wirkt körperlicher, erschöpfter und zugleich gefährlicher. Man merkt: Dieser Peter hat bereits einiges verloren – und er wird zunehmend nervös bei dem Gedanken, dass noch etwas übrig sein könnte, das man ihm wegnehmen kann.

Zendaya ist mehr als Peters emotionale Belohnung

Zendaya bleibt als MJ ein wichtiger Teil der Geschichte, ohne dass „Brand New Day“ die Auflösung aus „No Way Home“ einfach billig zurücknimmt.

Der Film versteht, dass MJ nicht nur die große Belohnung am Ende von Peters Leidensweg sein darf. Sie hat inzwischen ein eigenes Leben, eigene Entscheidungen und eine Version ihrer Vergangenheit, in der Peter Parker nicht vorkommt.

Das macht ihre gemeinsamen Szenen unangenehm, traurig und teilweise herrlich unbeholfen. Peter kennt jedes Detail über sie, während sie vor einem Fremden steht, der sich etwas zu vertraut verhält.

Die Chemie zwischen Holland und Zendaya ist weiterhin da, aber sie fühlt sich verändert an. Reifer, vorsichtiger und deutlich weniger romantisch verklärt. Zum Glück verzichtet der Film weitgehend auf eine magische Abkürzung nach dem Motto: einmal tief in die Augen schauen und schon ist alles wieder wie früher.

Auch Sadie Sink bekommt eine wichtige Rolle, über die man vor dem Kinobesuch möglichst wenig wissen sollte. Nur so viel: Sie ist keine zufällig eingeflogene Nebenfigur und auch kein austauschbarer Neuzugang für das nächste große Gruppenfoto. Ihre Verbindung zu Peter gehört zu den interessanteren Elementen des Films.

Mehr sollte man darüber tatsächlich nicht verraten. Das Marketing hat ausnahmsweise noch nicht jede Überraschung mit drei Trailern, zwölf Clips und einem schlecht versteckten Spielzeugset erschlagen.

Punisher trifft Hulk – und Spider-Man steht dazwischen

Jon Bernthals Rückkehr als Punisher sorgt erwartungsgemäß für die härteren Momente des Films.

Frank Castle und Peter Parker haben vollkommen unterschiedliche Vorstellungen davon, wie man mit Verbrechern umgehen sollte. Spider-Man versucht, Menschen zu retten. Punisher prüft eher, ob noch ausreichend Munition vorhanden ist.

Das Ergebnis ist genau die Art von unangenehmer Zusammenarbeit, die man sich erhofft hat. Peter hält Frank für einen mordenden Irren. Frank hält Peter für einen naiven Jungen im Schlafanzug. Beide liegen nicht völlig falsch.

Bernthal spielt den Punisher nicht wie einen coolen Gaststar, der kurz durchs Bild läuft und vom Publikum beklatscht werden soll. Seine Brutalität wird nicht verharmlost, und der Konflikt mit Spider-Man besitzt tatsächlich inhaltliches Gewicht. Frank ist hier keine bloße Cameo-Trophäe, sondern eine mögliche Zukunft, vor der Peter sich fürchten muss: ein Mann, der alles verloren hat und nur noch für seine Mission existiert.

Mark Ruffalos Hulk wirkt auf dem Papier zunächst wie der nächste Fall von Marvels beliebtem Figuren-Bingo. Zum Glück bekommt Bruce Banner mehr zu tun, als nur Dinge kaputtzuschlagen und für einen lauten Trailer-Moment zu sorgen.

Die Verbindung zwischen Banner und Peter funktioniert, weil beide einen Teil von sich kontrollieren müssen, der jederzeit ihr Leben übernehmen könnte. Bei Bruce ist dieser Teil nur größer, grüner und erheblich teurer für die New Yorker Gebäudeversicherung.

Michael Mando bringt als Scorpion zusätzlich etwas Straßenkriminalität und dringend benötigte Boshaftigkeit in die Geschichte. Nicht jeder Gegner braucht ein Portal, eine Zeitmaschine oder das Ende sämtlicher Realitäten. Manchmal reicht auch ein extrem wütender Typ mit einem mechanischen Schwanz.

Die Action ist endlich wieder körperlich

Regisseur Destin Daniel Cretton hatte bereits mit „Shang-Chi“ gezeigt, dass er Kämpfe nicht nur als digitales Dauergewitter inszenieren kann.

Auch „Spider-Man: Brand New Day“ besitzt mehrere Actionszenen, bei denen man tatsächlich erkennen kann, wer gerade wen schlägt und warum. Spider-Man bewegt sich schnell, improvisiert mit seiner Umgebung und nutzt seine Netze wieder wie ein Werkzeug – nicht nur wie eine animierte Transportmöglichkeit zwischen zwei Explosionen.

Vor allem die Auseinandersetzungen mit dem Punisher besitzen Gewicht. Hier prallen nicht einfach zwei Superkräfte aufeinander, sondern zwei vollkommen unterschiedliche Überzeugungen. Jeder Schlag erzählt etwas über die Figuren.

Wenn Hulk ins Spiel kommt, wird es erwartungsgemäß größer. Aber auch diese Szenen wirken zunächst eher wie ein gewalttätiger Verkehrsunfall als wie das übliche sterile CGI-Ballett.

Ganz ohne digitale Ausrutscher geht es trotzdem nicht. Einige Effekte sehen hervorragend aus, andere erinnern daran, dass Marvel wahrscheinlich noch während der Kinopremiere an einzelnen Einstellungen rendern ließ. Besonders im großen Finale verliert der Film stellenweise die Bodenhaftung, die ihm vorher so gutgetan hat.

Homecoming trifft Marvels Street-Level-Welt – während Hulk das Treppenhaus zerlegt

Atmosphärisch sitzt „Brand New Day“ irgendwo zwischen dem jugendlichen Charme von „Homecoming“ und dem dreckigeren New Yorker Straßenlevel der Marvel-Serien.

Der Film ist düsterer, aber nicht humorlos. Ernster, aber noch weit von einem depressiven Selbstfindungsdrama entfernt. Brutaler, ohne plötzlich so zu tun, als wäre Spider-Man im falschen Punisher-Film gelandet.

Gerade diese Mischung macht den Film reizvoll.

Peter beschäftigt sich wieder mit konkreten Problemen. Verbrechen, Polizei, Menschen auf der Straße und den Folgen seiner eigenen Entscheidungen. Die Welt muss nicht alle zwanzig Minuten gerettet werden. Oft reicht es vollkommen, wenn Peter versucht, einen einzelnen Menschen nicht zu verlieren.

Diese kleineren Konflikte fühlen sich häufig bedeutender an als der übliche Kampf gegen den digital verstärkten Weltuntergangsbösewicht Nummer 46.

Das MCU kann die Finger trotzdem nicht stillhalten

So gut die persönliche Geschichte funktioniert: „Brand New Day“ schleppt weiterhin eine Menge Marvel-Gepäck mit sich herum.

Hulk, Punisher, Scorpion, MJ, Ned, neue Figuren, alte Beziehungen und Hinweise auf kommende Ereignisse wollen alle ihren Platz haben. Der Film bekommt vieles davon erstaunlich ordentlich unter, aber eben nicht alles.

Einige Nebenhandlungen wirken wie vorbereitete Startblöcke für spätere Filme. Manche Dialoge erklären etwas zu deutlich, welche emotionale Erkenntnis Peter gerade haben soll. Und an mehreren Stellen spürt man förmlich, wie im Hintergrund bereits die nächste große MCU-Verknüpfung ihre Schuhe anzieht.

Außerdem ist der Film zu lang.

Nicht katastrophal lang, aber lang genug, dass sich das mittlere Drittel gelegentlich im eigenen Netz verfängt. Zwei oder drei Szenen weniger hätten der Geschichte gutgetan. Das Finale steigert sich schließlich in eine Dimension, die nicht mehr vollständig zum bodennahen Aufbau passt.

Marvel beginnt wieder mit einem angeschlagenen jungen Mann in einer kleinen Wohnung – und endet beinahe zwanghaft mit einer Materialschlacht, bei der halb New York anschließend einen guten Statiker benötigt.

Ein bisschen weniger wäre hier tatsächlich mehr gewesen.

Kein „No Way Home 2.0“ – und genau das ist gut

Wer einen weiteren Aufmarsch bekannter Spider-Man-Gesichter erwartet, könnte enttäuscht werden. „Brand New Day“ lebt nicht von großen Rückkehrern und nostalgischen Applauspausen.

Das ist seine wichtigste Entscheidung.

Der Film muss „No Way Home“ nicht überbieten. Das wäre ohnehin kaum möglich, ohne irgendwann jeden Darsteller mit Spinnenlogo aus den vergangenen dreißig Jahren durch ein Portal zu werfen.

Stattdessen konzentriert sich „Brand New Day“ wieder stärker auf Tom Hollands Peter Parker. Auf seine Verantwortung, seine Einsamkeit und die Frage, ob ein Held überhaupt noch ein normales Leben führen darf.

Dadurch fühlt sich der Film weniger wie ein MCU-Event und mehr wie der tatsächliche Beginn eines neuen Spider-Man-Kapitels an.

Nicht komplett neu. Nicht immer elegant. Aber ehrlich genug, um die emotionalen Folgen der bisherigen Geschichte ernst zu nehmen.

„Spider-Man: Brand New Day“ ist kein perfekter Neustart. Dafür hängen noch zu viele MCU-Fäden aus dem Kostüm, und das überladene Finale traut der kleineren Geschichte nicht vollständig über den Weg.

Aber wenn der Film funktioniert, dann richtig.

Tom Holland liefert seine bislang reifste Darstellung von Peter Parker. Zendaya bekommt Raum für eine eigene Perspektive. Jon Bernthal bringt als Punisher genau die unangenehme Härte mit, die dieser Geschichte guttut. Und Destin Daniel Cretton inszeniert Spider-Man wieder als körperlichen, improvisierenden Helden statt als schwerelose CGI-Figur.

Der Film ist emotional, witzig, stellenweise überraschend düster und besitzt wieder etwas, das dem MCU in letzter Zeit öfter gefehlt hat: eine Hauptfigur, deren persönliche Probleme wichtiger sind als der nächste Eintrag im Franchise-Terminkalender.

Kurz gesagt:

Peter Parker ist allein. Spider-Man ist überfordert. Punisher hat schlechte Laune. Hulk macht Hulk-Sachen. Und Marvel schafft es tatsächlich, daraus überwiegend einen Film statt einer zweieinhalbstündigen Vorschau auf kommende Projekte zu bauen.

Das muss man inzwischen fast schon feiern.

Bewertung

  • Darsteller: 9/10
  • Geschichte: 8/10
  • Action: 8/10
  • Emotionen: 9/10
  • CGI: schwankt zwischen „sehr stark“ und „war der Rechner schon wieder müde?“
  • MCU-Ballast: vorhanden, aber noch tragbar

Gesamtwertung: 8 von 10 Netzpatronen

„Spider-Man: Brand New Day“ ist nicht die Revolution des Superheldenfilms. Aber es ist ein starkes, persönliches und unterhaltsames neues Kapitel für Tom Hollands Spider-Man – und endlich wieder ein Film, bei dem Peter Parker wichtiger ist als das Multiversum.

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