30 Jahre Witchblade: Warum Sara Pezzini zur Comic-Ikone wurde – und der Reboot genau richtig kommt
COMICS · WITCHBLADE · 30 JAHRE
30 Jahre Witchblade: 1995 begann die Geschichte von Sara Pezzini, einer New Yorker Polizistin, die mit einem uralten, lebenden Artefakt verbunden wird. Was zunächst wie ein weiterer spektakulärer Titel aus der großen Image-Comics-Ära wirkte, entwickelte sich zu einer langlebigen Mischung aus Krimi, übernatürlichem Horror, Urban Fantasy, Verschwörung und ziemlich hemmungsloser 90er-Comic-Energie.
Drei Jahrzehnte später ist die Witchblade wieder da. Autorin Marguerite Bennett und Zeichner Giuseppe Cafaro erzählen Saras Ursprung neu, während der Schweizer Verlag Skinless Crow den Reboot seit Ende 2025 auf Deutsch veröffentlicht. Der richtige Zeitpunkt also, um zurückzublicken: Warum wurde „Witchblade“ damals zum Erfolg? Was ist vom Kult geblieben? Und funktioniert die Serie auch noch in einer völlig anderen Comiclandschaft?
1995: Die Witchblade erwacht
Mitte der 1990er-Jahre befand sich die amerikanische Comicbranche in einer wilden Phase. Image Comics hatte den Markt mit neuen Figuren, unabhängigen Studios, spektakulären Zeichnungen und einer enormen Lust auf visuelle Übertreibung verändert.
Aus diesem Umfeld entstand „Witchblade“. Entwickelt wurde die Reihe von Marc Silvestri, David Wohl, Brian Haberlin und Michael Turner. Im Mittelpunkt stand allerdings kein klassischer Superheld, sondern die New Yorker Mordermittlerin Sara Pezzini.
Während einer Ermittlung gerät Sara an die Witchblade – ein uraltes, intelligentes Artefakt, das sich seine Trägerin selbst auswählt. Die Klinge kann sich als Handschuh, Rüstung, Waffe oder beinahe lebendiges Wesen manifestieren. Sie verleiht enorme Macht, besitzt jedoch ihren eigenen Willen.
Genau darin steckt bis heute die beste Idee der Serie: Sara erhält nicht einfach ein praktisches Superhelden-Upgrade. Sie geht eine Beziehung mit etwas ein, das sie nicht vollständig versteht und niemals vollständig kontrollieren kann.
Die Witchblade ist Werkzeug und Gegner zugleich. Sie schützt Sara, aber sie greift ebenso in ihren Körper, ihre Gefühle und ihre Entscheidungen ein. Aus einer einfachen Ursprungsgeschichte wird dadurch ein permanenter Machtkampf.
Warum Witchblade in den 90ern so erfolgreich war
Natürlich spielte die Optik eine gewaltige Rolle. Michael Turners dynamische, elegante und sofort wiedererkennbare Zeichnungen machten „Witchblade“ zu einem Titel, der bereits im Comicregal auffiel.
Turners Figuren waren schlank, expressiv und idealisiert. Seine Sara Pezzini wirkte gleichzeitig verletzlich, selbstbewusst und gefährlich. Die organische Rüstung der Witchblade gehörte zu den auffälligsten Designs der damaligen Comiclandschaft.
Die Serie bediente ohne Zweifel auch den damaligen Bad-Girl-Boom. Rüstungen bedeckten häufig eher erstaunlich wenig, Variantcover wurden zum Verkaufsargument und manche Darstellung war subtil wie ein Flammenwerfer in einer Bibliothek.
Aber damit allein erklärt man keine Reihe, die Jahrzehnte überlebt, zahlreiche Kreativteams beschäftigt und mehrfach neu gestartet wird.
Der entscheidende Unterschied war Sara selbst. Sie war keine göttliche Kriegerin, die zufällig auf der Erde auftauchte. Sie war Polizistin, Ermittlerin und ein Mensch mit Beruf, Freunden, Beziehungen, Fehlern und einer ziemlich komplizierten Vorstellung von Gerechtigkeit.
Dadurch ließ sich „Witchblade“ gleichzeitig als Polizeikrimi, Mysteryserie, Verschwörungsthriller und übernatürliches Actionabenteuer lesen.
Eine starke Hauptfigur, ein sofort erkennbares Design, harte Kriminalfälle, übernatürliche Mythologie, politische Intrigen, Sexualität, Horror und genügend Geheimnisse, um die Leser über Jahre bei der Stange zu halten.
Sara Pezzini war wichtiger als die Rüstung
Der größte Fehler bei einer oberflächlichen Betrachtung der alten Serie besteht darin, Sara lediglich als Trägerin eines möglichst spektakulären Kostüms wahrzunehmen.
Tatsächlich war sie der emotionale Mittelpunkt. Sara musste einen anspruchsvollen Beruf, ihre persönlichen Beziehungen und eine uralte Macht miteinander vereinbaren, die ständig versuchte, ihre Grenzen zu verschieben.
Sie war keine makellose Heldin. Sie konnte aggressiv, stur, impulsiv und selbstzerstörerisch sein. Genau das machte sie interessanter als viele Figuren, die lediglich darauf warteten, dass der nächste Bösewicht die Stadt angreift.
Der zentrale Konflikt lautete niemals nur: Kann Sara den Gegner besiegen? Die wichtigere Frage war häufig: Wie viel von Sara bleibt übrig, wenn sie die Macht der Witchblade benutzt?
Diese körperliche und psychologische Dimension gibt der Figur bis heute Aktualität. Die Witchblade ist Machtfantasie und Kontrollverlust in einem – eine Kombination, die wesentlich stärker ist als der nächste magische Handschuh mit eingebautem Laserstrahl.
Ein ganzes Universum entstand
„Witchblade“ blieb nicht lange allein. Rund um Sara Pezzini entwickelte sich das Top-Cow-Universum mit Figuren und Reihen wie „The Darkness“, „The Angelus“, „Magdalena“ und „Aphrodite IX“.
Besonders die Verbindung zu Jackie Estacado und der Darkness wurde zu einem wichtigen Bestandteil der Mythologie. Licht, Dunkelheit und die Witchblade bildeten ein übernatürliches Gleichgewicht, das sich für große Konflikte und Crossover geradezu anbot.
Dadurch bekam die Serie eine Dimension, die über einzelne Mordfälle hinausging. Saras persönliche Geschichte konnte jederzeit in einen Krieg uralter Mächte übergehen, ohne dass sich das vollkommen wie ein anderer Comic anfühlte.
Gleichzeitig blieb New York ein wichtiger Bestandteil. Die Serie funktionierte am besten, wenn kosmische Mythologie und schmutzige Straßenkriminalität direkt aufeinanderprallten.
Mehr als Comics: Serie, Anime und internationale Bekanntheit
Der Erfolg blieb nicht auf die Comicregale beschränkt. „Witchblade“ wurde Anfang der 2000er als Realserie mit Yancy Butler umgesetzt. Später folgten außerdem eine japanische Anime-Serie und weitere Adaptionen.
Keine davon ersetzte die ursprünglichen Comics, aber sie zeigten, wie weit die Marke inzwischen über den klassischen US-Heftmarkt hinausgewachsen war.
Witchblade war plötzlich nicht mehr nur eine Figur für Top-Cow-Leser. Der Name wurde international bekannt – selbst bei Menschen, die niemals eine amerikanische Einzelausgabe in der Hand gehalten hatten.
Das Problem mit dem eigenen Erfolg
Wie viele lang laufende Reihen hatte auch „Witchblade“ irgendwann mit der eigenen Geschichte zu kämpfen. Jahrzehnte voller Trägerinnen, Artefakte, Crossover, Parallelwelten und wechselnder Kreativteams sind für Neueinsteiger nicht gerade eine freundliche Eingangstür.
Dazu kam, dass bestimmte Aspekte der ursprünglichen Ästhetik stark an ihre Zeit gebunden waren. Was 1996 provokant, modern und rebellisch wirkte, konnte später schnell wie eine Sammlung sehr spezieller 90er-Entscheidungen aussehen.
Ein Neustart musste deshalb zwei Dinge gleichzeitig schaffen: Er durfte die Identität der Serie nicht wegmodernisieren, musste aber einen Zugang bieten, der keine mehrmonatige Vorbereitung auf einem Witchblade-Wiki erforderte.
Der Reboot von Marguerite Bennett und Giuseppe Cafaro
Im Juli 2024 starteten Top Cow und Image Comics eine neue „Witchblade“-Serie. Autorin Marguerite Bennett und Zeichner Giuseppe Cafaro erzählen Saras Ursprung von Beginn an neu.
Die Grundelemente bleiben erhalten: Sara Pezzini arbeitet bei der New Yorker Polizei, der Mord an ihrem Vater treibt sie an, Kenneth Irons zieht im Hintergrund seine Fäden und eine uralte Macht verändert Saras Leben vollständig.
Der Reboot versucht jedoch nicht, die ersten Ausgaben einfach Panel für Panel nachzubauen. Bekannte Figuren erhalten neue Beziehungen, Ereignisse werden anders angeordnet und die gesellschaftlichen Themen werden stärker auf die Gegenwart zugeschnitten.
Image Comics beschrieb den Neustart als Mischung aus modernem Crime-Noir, übernatürlichem Thriller und Horror. Genau das ist der richtige Weg. Die Witchblade muss nicht weniger wild werden – sie braucht nur mehr als reine Oberflächenreize.
Bennett konzentriert sich stärker auf Saras Wut, ihren Körper und die Frage, was Macht im 21. Jahrhundert bedeutet. Cafaro liefert dazu eine moderne, detaillierte und dynamische Bildsprache, die den alten Top-Cow-Geist spürbar lässt, ohne Michael Turner kopieren zu wollen.
Fast 100.000 Bestellungen: Der Neustart trifft einen Nerv
Der amerikanische Neustart war nicht nur ein nostalgisches Experiment. Die erste Ausgabe erreichte laut Image Comics nahezu 100.000 Bestellungen und wurde damit zum erfolgreichsten Top-Cow-Start seit mehr als einem Jahrzehnt.
Das zeigt, dass die Marke noch immer funktioniert. Alte Leser wollten wissen, wie Sara Pezzini für eine neue Generation interpretiert wird. Gleichzeitig bot die neue Nummer 1 einen klaren Einstieg für Menschen, die bisher nur den Namen oder einzelne Bilder kannten.
Nostalgie allein erklärt diesen Erfolg allerdings nicht. Dreißig Jahre alte Marken werden ständig wiederbelebt und verschwinden häufig wenige Monate später erneut. „Witchblade“ besitzt dagegen ein Konzept, das sich tatsächlich neu interpretieren lässt.
Skinless Crow bringt Witchblade zurück nach Deutschland
Seit Ende 2025 veröffentlicht Skinless Crow den aktuellen Reboot auf Deutsch. Band 1 erschien zunächst als reguläres Softcover und in mehreren streng limitierten Hardcover-Ausgaben.
Die ersten limitierten Varianten waren schnell vergriffen. Inzwischen gibt es eine zweite Auflage von Band 1 sowie Band 2 als Softcover und in verschiedenen Sammlereditionen.
Das passt erstaunlich gut zu „Witchblade“. Variantcover, limitierte Ausgaben und auffällige Künstlereditionen gehören seit den 1990ern praktisch zur DNA der Reihe.
Gleichzeitig bleibt mit den Softcover-Ausgaben ein bezahlbarer Einstieg für Leser, die vor allem die Geschichte erleben möchten und nicht zwingend jede Variante neben einen Altar aus Schutzfolien stellen müssen.
Witchblade 1: Der moderne Einstieg
Band 1 umfasst den Beginn der neu erzählten Herkunft von Sara Pezzini. Nach dem Mord an ihrem Vater jagt die New Yorker Polizistin einen mächtigen Verbrecherring. In den Tiefen der Stadt trifft sie auf die Witchblade und wird Teil eines wesentlich größeren Konflikts.
Der Band funktioniert ohne Vorwissen. Bekannte Figuren und Motive werden neu eingeführt, sodass weder alte Ausgaben noch eine vollständige Top-Cow-Chronologie vorausgesetzt werden.
Softcover · 198 Seiten · farbig
Reguläre Leseausgabe
Hardcover · 198 Seiten · farbig
Limitierte zweite Auflage
Witchblade 2: Darkness, Kontrollverlust und ein neues Gleichgewicht
Im zweiten Band wächst die Macht der Witchblade weiter – und damit auch die Gefahr, dass Sara sich selbst darin verliert.
Kenneth Irons setzt seine Manipulationen fort, während mit Jackie Estacado und der Darkness ein zentraler Teil des Top-Cow-Universums zurückkehrt.
Damit macht der Reboot deutlich, dass er nicht nur Saras Ursprung neu erzählt. Schrittweise wird wieder ein größeres Universum aufgebaut, in dem die Witchblade Teil eines alten und gefährlichen Machtgefüges ist.
Softcover · 176 Seiten
24,50 €
Limitiertes Hardcover
Sammlervariante
Limitiertes Hardcover
klassischer 90er-Look
Limitiertes Hardcover
alternatives Sammlermotiv
Ist der neue Witchblade-Reboot ein guter Einstieg?
Ja. Gerade darin liegt seine wichtigste Funktion.
Die neue Serie verlangt keine Kenntnis der ursprünglichen 185 Ausgaben, keine Erinnerung an jedes Crossover und keine genealogische Übersicht aller bisherigen Trägerinnen.
Wer die alte Reihe kennt, entdeckt bekannte Figuren, Motive und Beziehungen in veränderter Form. Neue Leser erhalten dagegen eine klare Ursprungsgeschichte, die sich Zeit nimmt, Sara und die Regeln dieser Welt neu aufzubauen.
Der Reboot ersetzt die ursprüngliche Serie nicht. Er macht sie aber wieder relevant und sorgt im besten Fall dafür, dass neue Leser später ebenfalls die alten Geschichten entdecken möchten.
Was Witchblade heute anders machen muss
Die neue Reihe kann nicht einfach so tun, als wären seit 1995 keine drei Jahrzehnte vergangen. Figuren, Erzähltempo und insbesondere der Blick auf Sara müssen moderner sein als damals.
Das bedeutet allerdings nicht, dass sämtliche Ecken entfernt werden sollten. „Witchblade“ darf weiterhin erwachsen, sinnlich, gewalttätig und übertrieben sein. Eine vollkommen entschärfte Version wäre genauso uninteressant wie eine reine Wiederholung der 90er.
Entscheidend ist der Kontext. Sexualität funktioniert, wenn Sara dabei als Figur ernst genommen wird. Gewalt funktioniert, wenn sie Konsequenzen hat. Mythologie funktioniert, wenn unter den Artefakten und Prophezeiungen noch Menschen erkennbar sind.
Nach den bisherigen Bänden besitzt der Reboot dafür eine gute Grundlage.
30 Jahre Witchblade: Warum die Serie noch immer funktioniert
„Witchblade“ ist ein Produkt der 1990er – und gleichzeitig mehr als das.
Michael Turners Zeichnungen, die spektakulären Cover und die damalige Image-Energie machten die Serie sichtbar. Sara Pezzini, ihre Konflikte und die Mythologie sorgten dafür, dass die Leser blieben.
Das Konzept besitzt einen zeitlosen Kern: Was passiert, wenn ein Mensch enorme Macht erhält, diese Macht aber ebenfalls Ansprüche an den Menschen stellt?
Die Witchblade ist niemals nur eine Waffe. Sie ist Verführung, Schutz, Kontrollverlust, Körperhorror und Verantwortung. Sara muss sie benutzen, obwohl jede Nutzung die Gefahr birgt, dass sie sich weiter von ihrem bisherigen Leben entfernt.
Genau deshalb kann die Reihe auch nach dreißig Jahren noch funktionieren. Nicht weil man die Vergangenheit unverändert konserviert, sondern weil man ihre stärksten Ideen erkennt und neu erzählt.
„Witchblade“ war nie nur das berühmte knappe Rüstungsdesign. Der Erfolg entstand aus der Verbindung von Michael Turners prägender Optik, einer starken Hauptfigur, Kriminalgeschichten und einer großen übernatürlichen Mythologie.
Der Reboot von Marguerite Bennett und Giuseppe Cafaro versteht diesen Kern. Er ist kein Museum für die 90er, sondern ein neuer Einstieg in eine Welt, die wieder gefährlich, geheimnisvoll und relevant wirkt.
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WhatsApp-Kanal abonnierenQuellen: Image Comics – Ankündigung des Reboots , Witchblade (2024) #1 , Image Comics – Erfolg des Neustarts , Skinless Crow und Comixdealer . Bildmaterial: Top Cow, Image Comics, Skinless Crow und Comixdealer.
