Der Schatz der Geisterstadt – Kritik: Staub, Verrat und ein Sack voller Probleme
Die Der Schatz der Geisterstadt Kritik lässt sich eigentlich mit einem ziemlich einfachen Bild beginnen: ein alter Ford Mustang, eine staubige Straße, ein Sack voller Geld – und zwei Menschen, die sich wahrscheinlich besser nicht gegenseitig vertrauen sollten.
Matz und Philippe Xavier schicken uns ins Amerika des Jahres 1970 und erzählen eine Geschichte, die irgendwo zwischen Crime-Thriller, Roadmovie und klassischem Western liegt.
Dabei braucht der Band weder übernatürliche Monster noch einen besonders komplizierten Überbau. Es reichen Gier, Verrat, ein paar zwielichtige Gestalten und die Gewissheit, dass in einer verlassenen Geisterstadt vermutlich niemand auftaucht, weil er einfach nur die Aussicht genießen möchte.
Kurz gesagt
„Der Schatz der Geisterstadt“ ist ein schnörkelloser, hervorragend inszenierter Crime-Western mit starkem 70er-Jahre-Flair. Matz setzt auf Betrug, Misstrauen und immer neue Wendungen, während Philippe Xavier die amerikanische Landschaft teilweise wie einen zusätzlichen Hauptdarsteller inszeniert. Nicht revolutionär – aber verdammt souverän gemacht.
Ein Sack Geld und ein Plan, der eigentlich ganz einfach sein sollte
Chuck kommt nach mehreren Jahren Gefängnis wieder auf freien Fuß. Während seiner Haft hat er einen entscheidenden Vorteil gegenüber vielen anderen Ex-Häftlingen: Irgendwo wartet noch Geld auf ihn.
Gemeinsam mit seiner Partnerin Kat soll es nach Dry Creek gehen, einem verlassenen Kaff mitten im amerikanischen Nirgendwo. Dort wurde die Beute eines früheren Coups versteckt.
Geld ausgraben, verschwinden, neues Leben anfangen.
So zumindest der Plan.
Natürlich wäre der Comic nach zwanzig Seiten vorbei, wenn das funktionieren würde.
Denn als Chuck und Kat ankommen, wird ziemlich schnell deutlich, dass sie weder allein noch die Einzigen sind, die etwas über das verschwundene Geld wissen.
Matz baut daraus keinen hektischen Actioncomic, sondern lässt das Misstrauen langsam wachsen.
Chuck misstraut Kat. Kat hat wiederum gute Gründe, Chuck nicht alles durchgehen zu lassen. Gleichzeitig tauchen weitere Personen auf, deren Interessen ziemlich selten mit denen unseres Paares übereinstimmen.
Dadurch entsteht etwas, das für Crime-Geschichten enorm wichtig ist: Man traut irgendwann praktisch niemandem mehr.
Matz versteht, wie man eine einfache Geschichte kompliziert macht – ohne sie kompliziert zu erzählen
Die eigentliche Handlung ist gar nicht besonders komplex.
Es gibt Geld. Mehrere Leute wollen dieses Geld. Außerdem gibt es alte Rechnungen, verletzte Egos und genügend Waffen, damit aus einem kleinen Problem irgendwann ein ziemlich großes werden kann.
Der Reiz liegt deshalb weniger im Ausgangspunkt als darin, wie Matz die Figuren gegeneinander verschiebt.
Informationen ändern Besitzverhältnisse. Allianzen entstehen und zerbrechen wieder. Eine vermeintlich klare Situation sieht wenige Seiten später plötzlich vollkommen anders aus.
Trotzdem verliert man nie den Überblick.
Gerade das ist eine Stärke des Albums: Die Handlung bietet viele Wendungen, bleibt aber immer klar genug, dass man nicht anfangen muss, sich auf einem Notizzettel aufzuschreiben, wer jetzt eigentlich wen hintergangen hat.
„Der Schatz der Geisterstadt“ will nicht cleverer wirken als sein Publikum. Er erzählt einfach sehr souverän eine Geschichte voller Leute, denen man besser niemals Geld anvertrauen sollte.
Ein Western, der zufällig im Jahr 1970 spielt
Besonders schön finde ich, wie stark der Band trotz Autos, Radios und Motels nach klassischem Western riecht.
Tauscht den Ford Mustang gegen zwei Pferde und verlegt die Handlung hundert Jahre zurück – erstaunlich vieles würde immer noch funktionieren.
Eine verlassene Stadt.
Gestohlenes Geld.
Ein geheimnisvoller alter Mann.
Bewaffnete Fremde.
Misstrauen zwischen den Figuren.
Und natürlich irgendwann die Gewissheit, dass die Angelegenheit kaum ohne Schüsse enden wird.
Gerade dadurch bekommt der Comic einen interessanten Zwischenraum. Es ist kein traditioneller Western, aber seine erzählerische DNA steckt praktisch in jeder Seite.
Philippe Xavier macht die Landschaft zum heimlichen Hauptdarsteller
Und dann sind da die Zeichnungen.
Philippe Xavier kann Menschen, Autos und Action. Besonders stark ist für mich allerdings seine Landschaft.
Weite Straßen schneiden durch menschenleere Gegenden. Zerklüftete Felsen stehen unter riesigen Himmeln, während verlassene Gebäude wirken, als würde dort seit zwanzig Jahren niemand mehr freiwillig eine Tür öffnen.
Teilweise erinnert die Inszenierung an die großen europäischen Westernzeichner. Hermann und Jean Giraud beziehungsweise Moebius kommen einem nicht völlig zufällig in den Sinn.
Dabei kopiert Xavier diesen Stil nicht einfach. Stattdessen verbindet er die klassische europäische Abenteuercomic-Tradition mit einem deutlich moderneren, filmischen Seitenaufbau.
Sehr gelungen ist auch die Farbgebung.
Blasse Blautöne, staubiges Braun, Orange, Rosa und ausgebleichte Gelbtöne vermitteln dieses leicht verblichene 70er-Jahre-Gefühl, ohne dass der Comic wie ein künstlicher Retrofilter aussieht.
Dadurch wirkt die Geschichte fast wie ein alter amerikanischer Crime-Film, den man zufällig nachts irgendwo im Fernsehen entdeckt hat.
Chuck und Kat sind keine Helden – und genau das funktioniert
Wer hier klassische Sympathieträger erwartet, sollte seine Erwartungen vielleicht kurz an der Grenze zu New Mexico abgeben.
Chuck und Kat sind keine besonders guten Menschen.
Allerdings versucht der Comic auch gar nicht erst, sie zu welchen zu erklären.
Beide besitzen Fehler, beide manipulieren und beide treffen Entscheidungen, bei denen man als Leser gelegentlich denkt: Das wird garantiert noch auf euch zurückfallen.
Gerade deshalb funktioniert ihre Beziehung.
Zwischen ihnen liegen Begehren, Eifersucht, Verletzungen und eine ziemlich pragmatische Vorstellung von Loyalität. Dennoch bleiben sie emotional miteinander verbunden.
Das macht die Figuren glaubwürdiger als viele makellose Comicprotagonisten.
Man muss Chuck und Kat nicht mögen.
Aber man möchte wissen, was aus ihnen wird.
Das größte Kompliment: Man weiß lange nicht, wohin die Reise führt
Bei Geschichten über verschwundenes Geld liegt das Ende häufig schon ziemlich früh vor einem.
Hier funktioniert das besser.
Matz verschiebt seine Figuren oft genug, damit mehrere Entwicklungen möglich bleiben. Gleichzeitig fühlen sich die Wendungen selten wie willkürliche Überraschungen an, die nur deshalb auftauchen, weil der Autor noch einmal schnell etwas Unerwartetes braucht.
Vielmehr entstehen sie aus dem Verhalten der Charaktere.
Und weil praktisch jeder Beteiligte eigene Interessen verfolgt, ergibt sich daraus fast automatisch Chaos.
Der Comic ist wendungsreich, ohne konstruiert zu wirken – und klassisch, ohne altmodisch zu sein.
Wo der Schatz ein wenig Staub ansetzt
Ganz ohne Kritik kommt der Band natürlich nicht davon.
Wer viele Crime- und Westernstoffe kennt, wird einzelne Zutaten sofort wiedererkennen. Der verrückte Alte, das versteckte Geld, moralisch flexible Ganoven, eine Frau mit Cowboyhut und der unvermeidliche Showdown erfinden das Genre nicht neu.
Auch manche Nebenfiguren sind stärker Funktion als ausgearbeiteter Charakter.
Das stört den Lesefluss kaum, verhindert aber, dass der Band für mich ganz in die absolute Spitzengruppe rutscht.
„Der Schatz der Geisterstadt“ ist eben weniger Revolution als extrem gutes Genrehandwerk.
Und manchmal reicht genau das vollkommen aus.
Die Comixdealer-Wertung
Fazit: Ein verdammt guter Neo-Western für einen langen Comicabend
„Der Schatz der Geisterstadt“ revolutioniert weder den Western noch den Crime-Comic.
Muss er aber auch überhaupt nicht.
Matz und Philippe Xavier nehmen bekannte Genrebausteine und setzen sie einfach verdammt gut zusammen: ein verschwundener Geldsack, moralisch fragwürdige Figuren, eine staubige Geisterstadt und immer wieder die Frage, wer hier eigentlich wen übers Ohr haut.
Besonders Xaviers Landschaften machen dabei richtig Spaß. Das Amerika dieses Comics ist weit, einsam, dreckig und wunderschön.
Wer klassische Western mag, Crime-Thriller liebt und keinen Superhelden braucht, damit auf 120 Seiten ordentlich die Hütte brennt, sollte hier definitiv einen Blick riskieren.
🎯 Für wen ist der Band?
Für Fans von klassischen Western, Roadmovies und Crime-Thrillern; für Leser von Hermann, Giraud oder modernen europäischen Abenteuercomics – und grundsätzlich für alle, die abgeschlossene Geschichten mit starken Bildern und zwielichtigen Figuren mögen.
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WhatsApp-Kanal abonnierenQuellen & Transparenz: Grundlage für diese redaktionelle Kritik war unter anderem die Besprechung von Rolf Pressburger vom 7. August 2026 bei PPM. Produktdaten und Bildmaterial stammen vom Splitter Verlag und aus der offiziellen Leseprobe. Die Wertung und redaktionelle Einordnung stammen vom Comixdealer Magazin.
