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No Man’s Land Kritik: Mord im Eis zwischen FBI und KGB

Comic-Kritik Splitter · Thriller · Kalter Krieg

Ein Mord. Zwei Supermächte. Zwei Ermittler, die einander eigentlich nicht vertrauen dürfen. Und unter ihren Füßen eine Grenze aus Eis, die langsam zu schmelzen beginnt. „No Man’s Land“ besitzt eine dieser Thriller-Ideen, bei denen schon die Ausgangslage reicht, um weiterlesen zu wollen.

Szymon Kudrański versetzt seinen Kriminalfall ins Jahr 1963, mitten hinein in eine Phase des Kalten Krieges, in der aus einem politischen Missverständnis theoretisch eine globale Katastrophe entstehen konnte. Auf dem eisigen Niemandsland zwischen amerikanischem und sowjetischem Einflussgebiet wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Weil niemand riskieren möchte, dass aus einem Mordfall ein diplomatischer Zwischenfall wird, müssen ausgerechnet ein FBI-Agent und eine KGB-Agentin gemeinsam ermitteln.

Das klingt zunächst wie ein klassisches High-Concept-Pitch für einen Streamingthriller. Doch Kudrański nutzt die Idee überraschend konsequent: Die politische Spannung bleibt permanent spürbar, während Isolation, extreme Kälte und gegenseitiges Misstrauen aus einem Mordfall zunehmend einen psychologischen Albtraum machen.

Ganz perfekt ist die vierteilige Geschichte trotzdem nicht. Vor allem das Finale erklärt etwas mehr, als dem Mystery guttut, während einzelne Motive des Täters weniger überzeugend zusammenlaufen als der brillante Auftakt vermuten lässt.

Aber bis dahin ist „No Man’s Land“ ein verdammt starker, enorm atmosphärischer Thriller.

Der große Reiz

Hier läuft nicht nur eine Mordermittlung gegen die Zeit. Das Eis selbst ist die Uhr – und hinter jedem Gespräch steht die Frage, ob aus einem Toten plötzlich ein internationaler Zwischenfall wird.

No Man's Land Variantcover A Berg von Szymon Kudranski
Die deutsche Splitter-Ausgabe erscheint mit drei unterschiedlichen Variantcovern. Hier: Variantcover A „Berg“. Bild: Splitter / Szymon Kudrański

Kurz eingeordnet

„No Man’s Land“ verbindet klassischen Whodunit, Kalter-Krieg-Paranoia und beinahe schon Horroratmosphäre. Kudrański schreibt und zeichnet den kompletten Comic selbst, wodurch Bildsprache und Erzählrhythmus außergewöhnlich eng ineinandergreifen. Gerade die verschneiten Landschaften, die fast monochromen Seiten und die starken Lichtkontraste erzeugen eine bedrückende Stimmung. Der Kriminalfall bleibt lange spannend und liefert einige gute Wendungen, verliert im Schlusskapitel allerdings etwas von seiner Präzision. Trotzdem ist das einer der stärksten Thriller, die Splitter dieses Jahr im Programm hat.

Splitter · Komplettband
No Man’s Land
Szenario
Szymon Kudrański
Zeichnungen
Szymon Kudrański
Übersetzung
Katrin Aust
Umfang
144 Seiten
Ausgabe
Hardcover · Farbe · 28 × 20 cm
Preis
25,00 €

1963 – ein Mord zur denkbar schlechtesten Zeit

Kudrański hätte kaum ein besseres Jahr wählen können.

1963 liegt die Kubakrise gerade einmal wenige Monate zurück. Die USA und die Sowjetunion haben der Welt erst kurz zuvor gezeigt, wie erschreckend schnell politische Eskalation in die Nähe eines Atomkriegs führen kann.

Deshalb besitzt bereits der Fund der Leiche eine Bedeutung, die weit über einen gewöhnlichen Mord hinausgeht.

Die Tote liegt ausgerechnet an einem Ort, dessen politische Zuordnung alles andere als unkompliziert erscheint. Niemand möchte der Gegenseite erlauben, die Ermittlungen allein zu führen. Gleichzeitig darf keine Regierung so wirken, als würde sie die Kontrolle über ihr Territorium abgeben.

Die Lösung ist gleichermaßen vernünftig und vollkommen absurd:

Beide Seiten schicken einen Ermittler.

Kevin Collins kommt für das FBI.

Sonia Fiodrow vertritt den KGB.

Sie sollen gemeinsam einen Mord aufklären, während ihre jeweiligen Regierungen sie im Grunde dafür bezahlen, einander nicht zu vertrauen.

Innenansicht aus No Man's Land von Szymon Kudranski
Kudrański arbeitet mit reduzierten Farben, harten Kontrasten und viel leerem Raum. Dadurch wirkt selbst ein Gespräch wie eine Bedrohung. Bild: Image Comics / Szymon Kudrański

Kevin Collins ist genau der richtige Mann – und genau deshalb eigentlich der falsche

Besonders gut gefällt mir, dass Kudrański keinen jungen Superagenten ins Eis stellt.

Kevin Collins befindet sich am Ende seiner FBI-Karriere. Er trägt nicht nur berufliche Müdigkeit mit sich herum, sondern auch die Reste eines Privatlebens, das längst nicht mehr so funktioniert, wie er es gern hätte.

Dadurch entsteht sofort eine interessante Schwere.

Collins will diesen Fall nicht lösen, weil er noch unbedingt beweisen muss, dass er der beste Ermittler Amerikas ist. Vielmehr wirkt er wie ein Mann, der seinen Job lange genug gemacht hat, um zu wissen, dass jeder Tote irgendwann eine Geschichte erzählt – wenn man bereit ist, lange genug zuzuhören.

Gleichzeitig macht ihn diese Erfahrung nicht automatisch überlegen.

Die Isolation auf Little Diomede, die extreme Witterung und sein eigenes persönliches Gepäck setzen ihm zunehmend zu. Außerdem kann er Sonia nicht behandeln wie eine gewöhnliche Partnerin, weil zwischen ihnen immer auch zwei Staaten stehen.

Genau dadurch wird aus dem klassischen Ermittlerduo etwas Interessanteres.

Sonia Fiodrow ist keine sowjetische Schablone

Dasselbe gilt erfreulicherweise für Sonia.

Ein schwächerer Kalter-Krieg-Thriller hätte aus der KGB-Agentin wahrscheinlich entweder eine eiskalte Kommunistin oder die überraschend sympathische Russin gemacht, die natürlich irgendwann erkennen muss, wie viel besser der Westen ist.

Kudrański interessiert sich weniger für solche einfachen Rollen.

Sonia ist professionell, intelligent und mindestens genauso aufmerksam wie Collins. Gleichzeitig besitzt sie eigene Interessen und Loyalitäten, die nicht automatisch mit denen ihres Partners übereinstimmen.

Dadurch entsteht zwischen beiden kein künstliches Buddy-Movie.

Vertrauen muss hier tatsächlich erarbeitet werden.

Und selbst wenn es entsteht, bleibt die Frage, wie weit dieses Vertrauen reichen darf.

Die eigentliche Spannung

Nicht die Frage „Wer ist der Mörder?“ trägt den Comic allein. Mindestens genauso spannend ist: Wie viel Wahrheit kann Collins Sonia erzählen – und wie viel Wahrheit kann Sonia überhaupt zurückgeben?

Die Diomedes-Inseln sind der perfekte Thriller-Schauplatz

Noch stärker als die Figuren ist allerdings der Ort.

Die Diomedes liegen in der Beringstraße zwischen Alaska und Russland. Little Diomede gehört zu den Vereinigten Staaten, Big Diomede zu Russland. Nur wenige Kilometer Wasser trennen beide Inseln, zugleich verlaufen zwischen ihnen Staatsgrenze und internationale Datumsgrenze.

Während des Kalten Krieges wurde diese Trennung tatsächlich als „Ice Curtain“ bezeichnet. Familien, die zuvor über Generationen hinweg zwischen den Inseln Kontakte gepflegt hatten, wurden politisch voneinander abgeschnitten.

Kudrański nimmt diesen realen historischen Hintergrund und verdichtet ihn für seinen Thriller zu einem nahezu perfekten Niemandsland.

Das ist wichtig, denn die Handlung funktioniert nicht deshalb so gut, weil irgendwo Schnee liegt.

Der Ort ist das Konzept.

Hier begegnen sich zwei politische Systeme buchstäblich auf wenigen Kilometern Eis.

Gleichzeitig gibt es kaum Fluchtmöglichkeiten, kaum Privatsphäre und nur sehr begrenzte Zeit.

Das Eis wird schließlich nicht ewig halten.

Historischer Hintergrund

Den Begriff „Ice Curtain“ hat Kudrański nicht erfunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Kontakt zwischen Big und Little Diomede durch die neue politische Grenze praktisch abgeschnitten. Der Comic nutzt diese reale Trennung allerdings bewusst als dramatisch verdichtete Thriller-Kulisse.

True Detective im Gefrierschrank

Image Comics selbst vergleicht „No Man’s Land“ mit „True Detective“, „Whiteout“ und „Insomnia“.

Normalerweise bin ich bei solchen Vergleichen vorsichtig.

Hier passen sie erstaunlich gut.

Von „True Detective“ kommt vor allem das Gefühl, dass der eigentliche Mord nur die Tür zu etwas Größerem öffnet. Religiöse Symbolik, verstörende Spuren und eine Gemeinschaft, die mehr weiß, als sie zunächst preisgeben möchte, ziehen den Fall zunehmend in eine dunklere Richtung.

„Whiteout“ ist wiederum wegen des Schauplatzes kaum zu vermeiden. Schnee, Isolation und ein Mord in einer Umgebung, in der jede Bewegung vom Wetter bestimmt wird, erzeugen ähnliche Spannungsmechanismen.

Und trotzdem bleibt „No Man’s Land“ eigenständig.

Denn der Kalte Krieg verändert jede Situation.

Ein falscher Verdacht betrifft hier nicht nur einen potenziellen Täter. Er kann plötzlich politische Bedeutung bekommen.

Der Mordfall wird zunehmend düsterer

Über den eigentlichen Fall möchte ich bewusst nicht zu viel verraten.

Schon früh wird allerdings klar, dass die Tote nicht einfach zufällig auf dem Eis gelandet ist. Hinweise deuten auf religiöse oder ritualisierte Elemente hin, während weitere Spuren wiederum politische Motive nahelegen.

Gerade diese Unsicherheit trägt die mittleren Kapitel hervorragend.

Was gehört tatsächlich zusammen?

Welche Spur wurde möglicherweise bewusst gelegt?

Und wie viel von dem, was Collins und Sonia sehen, interpretieren sie automatisch durch die politische Weltanschauung, aus der sie kommen?

Kudrański lässt den Leser dabei lange genug im Unklaren, ohne die Geschichte beliebig wirken zu lassen.

Vor allem Ausgabe drei – im Komplettband also der Mittelteil vor dem Finale – ist ausgesprochen stark. Dort beginnen mehrere zuvor getrennte Elemente ineinanderzugreifen, während gleichzeitig immer deutlicher wird, dass der Fall größer ist als der ursprüngliche Leichenfund.

US Variantcover von No Man's Land
Schon die US-Ausgabe spielte mit dem Thriller-Charakter der Serie und klassischen Filmplakat-Motiven. Bild: Image Comics / Szymon Kudrański

Szymon Kudrański zeichnet keinen Schnee – er zeichnet Kälte

Der eigentliche Star des Comics ist für mich trotzdem das Artwork.

Das klingt zunächst fast unfair gegenüber der Geschichte, weil Kudrański schließlich ebenfalls das Szenario geschrieben hat. Trotzdem ist seine visuelle Arbeit schlicht außergewöhnlich gut.

Viele Seiten arbeiten mit stark reduzierten Farben. Grau, Weiß, Schwarz und kaltes Blau dominieren, während einzelne warme Lichtquellen oder rote Elemente sofort Aufmerksamkeit erzeugen.

Dadurch wirken die Seiten nicht bunt im klassischen Sinn, obwohl der Band vollständig farbig ist.

Die Farbe hat vielmehr eine erzählerische Funktion.

Innenräume fühlen sich wärmer, aber gleichzeitig enger an. Draußen verschwimmen Himmel, Schnee und Horizont teilweise miteinander, wodurch Figuren plötzlich wie winzige Fremdkörper in einer riesigen weißen Fläche erscheinen.

Man spürt förmlich, wie wenig Schutz diese Landschaft bietet.

Besonders effektiv ist außerdem Kudrańskis Umgang mit Gesichtern. Collins‘ Müdigkeit, Sonias kontrollierte Skepsis und die Nervosität einzelner Bewohner werden häufig nicht über Dialoge erklärt, sondern über Blickrichtungen, Schatten oder kleine Veränderungen der Körperhaltung vermittelt.

Dadurch bekommt der Comic eine fast filmische Qualität.

Kudrański nutzt Weiß nicht als leeren Hintergrund. In „No Man’s Land“ kann eine riesige weiße Fläche bedrohlicher wirken als jede dunkle Gasse.

Die Seiten sehen teilweise schon wie Storyboards aus

Dass inzwischen an einer Verfilmung gearbeitet wird, überrascht deshalb überhaupt nicht.

Kudrański inszeniert viele Sequenzen bereits wie Film.

Totale.

Nahaufnahme.

Detail.

Gegenschuss.

Blick auf die Landschaft.

Zurück zum Gesicht.

Allerdings wirkt diese filmische Sprache nie wie eine bloße Aneinanderreihung von Screenshots. Kudrański nutzt weiterhin sehr bewusst Möglichkeiten des Comics: Panelgrößen bestimmen Tempo, leere Flächen erzeugen Pausen und manche Seiten entfalten ihre Wirkung erst durch die Anordnung der Bilder nebeneinander.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

„Cinematisch“ wird bei Comics inzwischen oft wie ein automatisches Qualitätsmerkmal verwendet. Hier funktioniert es tatsächlich, weil Kudrański Filmgrammatik und Comicgrammatik miteinander verbindet.

Das Finale ist der einzige Punkt, an dem der Thriller etwas an Schärfe verliert

Bis zum letzten Viertel war ich praktisch komplett drin.

Dann passiert etwas, das Mysterygeschichten erstaunlich häufig passiert:

Irgendwann müssen sie erklären, was all die faszinierenden Hinweise eigentlich bedeuten.

Und die Erklärung ist selten ganz so spannend wie das Rätsel.

Auch „No Man’s Land“ leidet ein wenig darunter.

Im Finale wird relativ viel gesprochen und rekonstruiert. Die Motivation hinter einzelnen Elementen des Falls bleibt dennoch überraschend unscharf, obwohl gleichzeitig viel erklärt wird.

Gerade die ritualisierten Aspekte versprechen zunächst etwas Tieferes, als die letztliche Auflösung vollständig einlösen kann.

Das bedeutet nicht, dass das Ende schlecht wäre.

Im Gegenteil: Es besitzt Konsequenz, eine passende Bitterkeit und einen letzten Moment, der sehr schön zum insgesamt pessimistischen Ton der Geschichte passt.

Allerdings ist der Weg dorthin etwas weniger elegant als die ersten drei Viertel.

Mein Hauptkritikpunkt

Der Aufbau des Rätsels ist stärker als seine vollständige Auflösung. Gerade weil Kudrański vorher so viele spannende Motive etabliert, hätte ich mir beim Täter und dessen Beweggründen noch etwas mehr Präzision gewünscht.

Warum das trotzdem kein Thriller ist, der nur vom Twist lebt

Glücklicherweise hängt „No Man’s Land“ nicht vollständig an seiner Auflösung.

Das ist entscheidend.

Ein schwächerer Mysterycomic wäre nach dem letzten Kapitel praktisch verbraucht. Sobald man den Täter kennt, gäbe es kaum einen Grund, zurückzukehren.

Hier bleiben dagegen Atmosphäre, Figuren und politische Ebene interessant.

Vor allem Collins und Sonia profitieren beim zweiten Blick davon, dass man bestimmte Entscheidungen anders bewertet. Gleichzeitig bekommt die permanente Frage nach Vertrauen eine zusätzliche Bedeutung, wenn man weiß, wohin der Fall führt.

Deshalb würde ich „No Man’s Land“ auch weniger als reinen Whodunit und stärker als düsteren Polit- und Psychothriller lesen.

Der Mord ist der Motor.

Das eigentliche Thema ist Misstrauen.

Der Kalte Krieg ist mehr als nur hübsche Kulisse

Besonders gelungen ist dabei, dass Kudrański die politische Situation nicht permanent in langen historischen Monologen erklären muss.

Die Figuren leben darin.

Collins und Sonia wissen, dass jede Information, die sie miteinander teilen, theoretisch auch Geheimdienstinformation sein kann. Gleichzeitig müssen sie jedoch zusammenarbeiten, weil ein Mordfall keine Rücksicht auf geopolitische Grenzen nimmt.

Dadurch entsteht ein schöner Widerspruch.

Beide Staaten betrachten einander als potenzielle existentielle Bedrohung. Zwei einzelne Menschen entdecken dagegen zwangsläufig, dass die Person auf der anderen Seite des Eisvorhangs ebenfalls friert, zweifelt und versucht, denselben Mord zu verstehen.

Der Comic wird deshalb nicht plötzlich zu einer naiven „Wir sind doch alle gleich“-Parabel.

Dafür bleiben die Interessen zu unterschiedlich.

Aber er zeigt sehr wirkungsvoll, wie abstrakt politische Feindbilder werden können, sobald man dem vermeintlichen Gegner tatsächlich gegenübersitzt.

Die internationale Kritik war entsprechend stark

Die ursprüngliche vierteilige Image-Comics-Serie wurde in den USA ausgesprochen positiv aufgenommen.

Comic Book RoundUp führt die Serie aktuell mit einem Kritikerschnitt von rund 8,5 von 10. Besonders stark startete die erste Ausgabe, die dort im Durchschnitt bei etwa 9 Punkten liegt.

Auch die mittleren Kapitel wurden überwiegend sehr gut bewertet.

Interessant ist allerdings, dass gerade das Finale etwas schwächer wegkommt. Das passt ziemlich genau zu meinem Eindruck: Die Reise zum Täter funktioniert einen Tick besser als die vollständige Erklärung dahinter.

Internationale Rezeption
Ein sehr starker Start – ein etwas schwächeres Finale

Gesamte Serie: ca. 8,5/10 im Kritikerschnitt bei Comic Book RoundUp.

Ausgabe 1: besonders viel Lob für High Concept, Atmosphäre und visuelle Inszenierung.

Ausgaben 2 und 3: die Ermittlungen werden komplexer und die Horror-Komponente tritt stärker hervor.

Ausgabe 4: weiterhin positiv aufgenommen, allerdings mehrfach mit Kritik an Täter-Motivation und Auflösung.

Alle vier US-Hefte in einem Band – und drei Cover zur Auswahl

Splitter veröffentlicht die komplette Miniserie direkt gesammelt.

Der Hardcoverband umfasst 144 Farbseiten und enthält die vier ursprünglichen US-Ausgaben, die Image Comics zwischen September und Dezember 2025 veröffentlicht hat.

Die deutsche Übersetzung stammt von Katrin Aust.

Besonders für Sammler interessant: Splitter bietet den Band mit drei unterschiedlichen Covermotiven an. Jede der drei Ausgaben ist laut Verlag auf 700 Exemplare limitiert.

Inhaltlich unterscheiden sie sich selbstverständlich nicht.

Variantcover A ist die hier gezeigte „Berg“-Version, daneben gibt es „Falter“ und „Rot“.

Für 25 Euro bekommt man damit einen abgeschlossenen Thriller in einem Band – und glücklicherweise keine Serie, bei der man nach 144 Seiten erfährt, dass die eigentliche Auflösung irgendwann in Band 7 kommt.

Sammler-Hinweis

Splitter veröffentlicht „No Man’s Land“ zeitgleich mit drei unterschiedlichen Hardcover-Covern. Jede Variante ist auf 700 Exemplare limitiert. Variantcover A „Berg“ trägt die ISBN 978-3-69258-049-4.

Und Hollywood hat bereits angeklopft

Eigentlich überrascht es nach der Lektüre kaum.

„No Man’s Land“ befindet sich inzwischen offiziell in Entwicklung für eine Kinoadaption.

Image Comics bestätigte im März 2026, dass Produzent Jason Berman und A/Vantage Pictures gemeinsam mit Kudrański und weiteren Partnern an einer Verfilmung arbeiten.

Mehr als eine Entwicklung ist das derzeit allerdings noch nicht.

Es gibt weder einen bestätigten Regisseur noch einen Cast oder Kinostart.

Trotzdem versteht man sofort, weshalb Produzenten Interesse haben.

Zwei Hauptfiguren.

Ein begrenzter Schauplatz.

Ein Mord.

Kalter Krieg.

Extreme Natur.

Und eine visuelle Sprache, die teilweise bereits wie ein sehr präzises Storyboard wirkt.

Wenn man daraus keinen spannenden 110-Minuten-Thriller bauen kann, liegt das Problem jedenfalls nicht an der Vorlage.

Die Comixdealer-Wertung

No Man’s Land
Wertung im Detail
Story & Mystery 8,5 / 10
Zeichnungen & Inszenierung 9,5 / 10
Figuren 8,5 / 10
Atmosphäre 9,5 / 10
Finale & Auflösung 8,0 / 10
Gesamtwertung
8,8
von 10

Mein Fazit: Ein verdammt kalter Thriller – und ich meine nicht nur den Schnee

Comixdealer-Fazit

„No Man’s Land“ ist für mich einer dieser Comics, bei denen die Idee bereits hervorragend klingt – und die Umsetzung erfreulicherweise tatsächlich mithalten kann.

Ein FBI-Agent und eine KGB-Agentin untersuchen 1963 einen Mord zwischen den politischen Welten. Unter ihnen liegt Eis, über ihnen schwebt die Gefahr eines internationalen Zwischenfalls und neben ihnen lebt eine kleine Gemeinschaft, in der praktisch jeder etwas wissen könnte.

Daraus macht Szymon Kudrański keinen lauten Spionagecomic, sondern einen erstaunlich ruhigen Thriller. Seine Figuren beobachten, schweigen, misstrauen einander und versuchen permanent herauszufinden, ob sie gerade mit einem Kollegen oder einem Gegner sprechen.

Noch stärker ist allerdings das Artwork.

Kudrański kann mit einer weißen Fläche mehr Spannung erzeugen als andere Zeichner mit einer kompletten Actionszene. Die Kälte, Isolation und Leere dieses Ortes sind praktisch auf jeder Seite spürbar. Gerade deshalb fühlt sich der Comic stellenweise tatsächlich eher wie ein Film an als wie ein klassischer US-Vierteiler.

Die Figuren funktionieren ebenfalls. Collins ist angenehm müde statt heroisch, Sonia bleibt mehr als bloßer KGB-Gegenpol und ihre Zusammenarbeit entwickelt sich glaubwürdig, weil Vertrauen hier nie selbstverständlich wird.

Lediglich beim Finale verliert der Comic für mich etwas.

Die Auflösung ist nicht schlecht, aber sie erreicht nicht ganz die Qualität des Rätsels, das Kudrański vorher aufgebaut hat. Gerade einige symbolische und ritualisierte Elemente wirken rückblickend stärker als Stimmung denn als wirklich notwendiger Teil der Täterlogik.

Das ändert allerdings erstaunlich wenig am Gesamteindruck.

Denn der Mordfall ist letztlich nur ein Teil dessen, was diesen Comic interessant macht. Viel stärker bleiben die Bilder, das politische Misstrauen und diese bizarre Vorstellung hängen, dass zwei Menschen zwischen zwei Atommächten auf einem Stück gefrorenem Meer stehen und versuchen müssen, wenigstens für ein paar Stunden dieselbe Wahrheit zu akzeptieren.

Wer „True Detective“, „Whiteout“, düstere Politthriller oder einfach hervorragend inszenierte Kriminalcomics mag, sollte sich „No Man’s Land“ ziemlich weit oben auf die Liste setzen.

🎯 Für wen ist No Man’s Land?

Für Leser von „True Detective“-artigen Kriminalgeschichten, „Whiteout“, „Se7en“, politischen Spionagethrillern und düsteren Mystery-Comics. Wer dagegen schnelle Action oder einen klassischen Agentencomic erwartet, sollte wissen: „No Man’s Land“ lebt deutlich stärker von Atmosphäre, Gesprächen, Misstrauen und langsamer Eskalation.

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Beim Comixdealer

No Man’s Land – Variantcover A „Berg“

Szymon Kudrański · Splitter · Hardcover · 144 Farbseiten · limitierte Covervariante · 25,00 €.

No Man’s Land bei Comixdealer finden →

💬 Würdet ihr dem Gegner vertrauen?

Zwei Ermittler, zwei Geheimdienste und ein Mordfall, den beide nur gemeinsam lösen können: Funktioniert diese Kalter-Krieg-Konstellation für euch? Und welches der drei Splitter-Cover gefällt euch am besten? Schreibt es gerne in die Kommentare.

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Quellen & Transparenz: Splitter Verlag und PPM Vertrieb – Angaben zur deutschen Ausgabe; Image Comics – Originalserie, US-Komplettband und Informationen zur geplanten Verfilmung; Comic Book RoundUp und Graphic Policy – internationale Rezeption; The Diomede Islands Project – historischer Hintergrund zum „Ice Curtain“. Bildmaterial: Splitter / Image Comics / Szymon Kudrański. Redaktionelle Einordnung und Wertung: Comixdealer Magazin.

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Alexander Janetzki – Comixdealer

Alexander Janetzki ist seit 2009 im Comicfachhandel tätig, betreibt den Onlineshop Comixdealer und hat Film und Fernsehen mit Schwerpunkt Regie studiert. Im Comixdealer Magazin schreibt er über Comics, Filme, Serien und Popkultur.

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