Lanterns Episode 1 Kritik: Green Lantern trifft True Detective
Die Lanterns Episode 1 Kritik beginnt mit einer kleinen Überraschung: HBO hat tatsächlich eine Green-Lantern-Serie produziert, die sich über weite Strecken überhaupt nicht wie eine klassische Superheldenserie anfühlt.
Kein CGI-Gewitter über Oa.
Keine zehnminütige Erklärung des Green Lantern Corps.
Keine Parade aus Aliens, die uns sofort beweisen soll, wie groß und teuer dieses neue DC Universe ist.
Stattdessen bekommen wir zwei Männer in einem ziemlich normalen Auto, eine Kleinstadt in Nebraska, einen mysteriösen Mordfall und zunehmend das Gefühl, dass unter dieser staubigen Oberfläche etwas gewaltig nicht stimmt.
Die Vergleiche mit „True Detective“ wurden im Vorfeld so oft bemüht, dass ich irgendwann schon Angst hatte, HBO würde uns einfach Matthew McConaughey mit einem grünen Ring verkaufen.
Aber nach der ersten Episode muss ich sagen:
Diese Mischung aus HBO-Krimi, Buddy-Cop-Serie und Green-Lantern-Mythologie funktioniert erstaunlich gut.
Kurz eingeordnet
Die erste Folge von „Lanterns“ ist weniger Weltraumoper als düsterer HBO-Krimi – und genau darin liegt ihre Stärke. Kyle Chandler und Aaron Pierre funktionieren hervorragend als ungleiches Duo, das Mystery-Element macht sofort neugierig und die Serie nimmt ihre Figuren ernst. Wer allerdings bereits in Episode 1 gigantische Ringkonstrukte, Oa und eine komplette Green-Lantern-Space-Opera erwartet, könnte den Einstieg fast zu bodenständig finden. Das Ende macht dafür sehr deutlich: Diese Staffel hat noch einiges vor.
Eine Green-Lantern-Serie, die sich erst einmal überhaupt nicht wie Green Lantern anfühlt
Und das meine ich zunächst einmal positiv.
Die erste Episode nimmt sich erstaunlich viel Zeit, eine Welt aufzubauen, in der Superhelden zwar existieren, aber nicht jede Szene wie eine Vorbereitung auf das nächste Crossover wirkt.
Schon die Eröffnung macht klar, dass Hal Jordan in diesem Universum längst eine bekannte Figur ist.
Er ist kein geheimnisvoller Vigilant.
Die Menschen kennen Green Lantern.
Sie wissen, wer Hal Jordan ist.
Bereits 1996 wird er im Fernsehen interviewt und spricht darüber, wie er zum ersten Green Lantern der Erde wurde.
Parallel erleben wir den jungen John Stewart – und eine Szene mit seinem Vater, einer Pistole und einem Apfel, die innerhalb weniger Sekunden erklärt, welche Rolle Angst in Johns Leben spielen wird.
Keine lange Origin.
Keine Voice-over-Erklärung.
Nur eine ziemlich unangenehme Szene und die Frage: „Hast du Angst?“
Das ist ein verdammt guter Einstieg für eine Geschichte über Green Lantern.
Kyle Chandler spielt einen Hal Jordan, der schon bessere Tage gesehen hat
Dann springen wir ins Jahr 2016.
Und hier wird Kyle Chandler für mich sehr schnell zum interessantesten Element der Folge.
Dieser Hal Jordan ist kein glänzender Weltraumheld, der gerade stolz vom nächsten intergalaktischen Einsatz zurückkommt.
Er sieht müde aus.
Zerknittert.
Ein bisschen zu alt für den Unsinn, den er trotzdem noch veranstaltet.
Und irgendwo unter dieser demonstrativen Lässigkeit scheint einiges zu liegen, über das Hal offensichtlich überhaupt nicht reden möchte.
John Stewart befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Monaten in seiner Ausbildung, hat den Ring allerdings noch nicht einmal richtig benutzt.
Hal hält ihn hin.
Provoziert ihn.
Und testet ihn auf eine Art, bei der wahrscheinlich jede normale Personalabteilung nach ungefähr fünf Minuten einen Anwalt einschalten würde.
Die Szene, in der Hal während der Fahrt einfach aus dem Auto springt und John dadurch zwingt, endlich den Ring zu benutzen, sagt praktisch alles über diese Beziehung.
Hal Jordan ist hier kein weiser Meister. Er ist ein ziemlich kaputter Typ, der zufällig versucht, seinem Nachfolger beizubringen, wie man ein intergalaktischer Cop wird.
Und genau das macht ihn interessant.
Aaron Pierre ist der perfekte Gegenpol
John Stewart könnte kaum anders sein.
Kontrolliert.
Diszipliniert.
Beobachtend.
Aaron Pierre spielt John nicht als ehrfürchtigen Rookie, der endlich seinen Kindheitshelden treffen darf.
Ganz im Gegenteil.
Er ist zunehmend genervt von Hal.
Und man versteht ihn.
Trotzdem besitzt John eine innere Ruhe, die perfekt zu dem Charakter passt.
Der Ring ist für ihn nicht einfach ein cooles Superheldenspielzeug. Die Position bedeutet Verantwortung, und genau darin unterscheidet er sich bereits jetzt fundamental von seinem Mentor.
Vor allem funktioniert die Chemie zwischen Pierre und Chandler.
Die Dialoge wirken nicht wie vorbereitete Superhelden-Banter-Sätze, bei denen nach jedem Gag kurz Platz für den Trailer gelassen wurde.
Man glaubt diesen beiden Männern, dass sie sich gegenseitig auf die Nerven gehen.
Und gleichzeitig spürt man schon nach einer Episode, dass genau daraus irgendwann eine echte Verbindung entstehen könnte.
„There’s hail in Rushville, Nebraska“
Der eigentliche Fall beginnt mit einer herrlich kryptischen Nachricht.
John begegnet einer älteren Sicherungskopie von Hals Bewusstsein, die im Ring gespeichert wurde.
Dieser frühere Hal wirkt sofort anders.
Weniger verbraucht.
Fast freundlicher.
Und er hat nur eine Botschaft für sein zukünftiges Ich:
„There’s hail in Rushville, Nebraska.“
Der aktuelle Hal weiß sofort, was gemeint ist.
Und plötzlich ist seine ganze flapsige Art verschwunden.
Rushville führt zurück zu seinem Ursprung.
Zu Abin Sur.
Und zu der Frage, warum ausgerechnet dort damals alles begann.
Der Pilot stellt damit sehr geschickt zwei Mysterien nebeneinander:
Was passiert gerade in Rushville?
Und was ist dort früher passiert?
True Detective mit Power Ring – aber zum Glück nicht als billige Kopie
Spätestens in Nebraska versteht man, was HBO mit dieser Serie vorhat.
Rushville wirkt nicht wie Smallville mit anderer Postleitzahl.
Die Stadt besitzt etwas Unbehagliches.
Ein Footballspiel endet in einer tödlichen Schießerei.
Sheriff Kerry Kane – hervorragend gespielt von Kelly Macdonald – misstraut Hal und John vom ersten Moment an.
Ein reicher Rancher besitzt praktisch seine eigene bewaffnete Privatarmee.
Und überall entsteht langsam dieses Gefühl, dass jeder ein bisschen mehr weiß, als er zugibt.
Genau hier funktioniert die „True Detective“-DNA.
Nicht durch irgendwelche kopierten Kamerafahrten oder pseudophilosophische Monologe.
Sondern durch Atmosphäre.
Etwas stimmt mit diesem Ort nicht.
Und zwei Ermittler graben langsam darin herum.
Je normaler HBO die Welt von „Lanterns“ aussehen lässt, desto fremdartiger wirken die wenigen Momente, in denen etwas wirklich Außerirdisches in diese Realität eindringt.
Die Verhörszene zeigt, wie gut dieses Konzept funktionieren kann
Mein stärkster Moment des eigentlichen Falls ist das Verhör des Verdächtigen.
Hier braucht die Serie fast nichts.
Hal.
Einen Mann auf der anderen Seite des Tisches.
Ein paar Fragen.
Und langsam die Erkenntnis:
Hier stimmt wirklich etwas nicht.
Hal beginnt kleine Widersprüche zu finden und drückt immer weiter.
Plötzlich wird aus einem relativ gewöhnlichen Polizeiverhör Green-Lantern-Science-Fiction.
Der Verdächtige ist tatsächlich außerirdisch.
Und bevor Hal wirklich herausfinden kann, was hinter der Sache steckt, sprengt sich der Mann selbst in die Luft.
Hal kann den größten Teil der Explosion mit seinem Ring eindämmen.
Aber der Fall ist damit endgültig größer geworden.
Und genau diese Mischung gefällt mir:
Die Serie hält die Superkräfte lange zurück.
Wenn sie dann auftauchen, besitzen sie Gewicht.
Ist Lanterns vielleicht ZU geerdet?
Das ist allerdings gleichzeitig die große Frage nach Episode 1.
Green Lantern gehört eigentlich zu den kosmischsten Figuren, die DC besitzt.
Oa.
Tausende Lanterns.
Bizarrste Aliens.
Sektoren des Universums.
Konstrukte, die nur durch Vorstellungskraft begrenzt werden.
Davon zeigt der Pilot bewusst sehr wenig.
Das ist als Einstieg clever.
Allerdings darf „Lanterns“ im Laufe der Staffel nicht vergessen, dass Green Lantern eben mehr ist als ein Detective mit einer magischen Dienstwaffe.
Gerade die Möglichkeiten des Rings könnten visuell viel kreativer genutzt werden.
Episode 1 will offensichtlich zuerst, dass wir Hal und John kennenlernen.
Das ist richtig.
Aber irgendwann möchte ich eben trotzdem verdammt noch mal Green Lantern sehen.
Offizieller Trailer zu „Lanterns“. Video: HBO Max
⚠️ Ab hier massive Spoiler zu Episode 1
Wer die Folge noch nicht gesehen hat, sollte jetzt wirklich aufhören. Das Ende gehört zu den größten Überraschungen des Piloten.
Und dann springt Lanterns einfach zehn Jahre in die Zukunft
Bis dahin hätte ich den Piloten bereits als ziemlich guten Einstieg bezeichnet.
Doch dann macht die Episode etwas, mit dem ich in dieser Form nicht gerechnet hatte.
Wir springen von 2016 ins Jahr 2026.
John Stewart kehrt nach Rushville zurück.
Er sieht älter aus.
Die Stadt scheint inzwischen etwas durchgemacht zu haben.
Sheriff Kerry kennt John mittlerweile offensichtlich sehr gut.
Und gemeinsam gehen sie zurück auf die Tribüne des Footballstadions.
Dort sitzt Hal Jordan.
Im Schnee.
Regungslos.
Offenbar tot.
Und sein Ring fehlt.
Hal Jordan ist tot. Der Ring ist verschwunden. Und John Stewart ist zehn Jahre später offenbar noch immer nicht der Green Lantern der Erde.
Das ist ein verdammt starker Cliffhanger.
Nicht unbedingt, weil ich glaube, dass Kyle Chandler jetzt nach einer Episode einfach aus der Serie verschwindet.
Die Staffel wird offensichtlich weiterhin einen großen Teil ihrer Geschichte in der Vergangenheit erzählen.
Aber plötzlich wissen wir etwas Entscheidendes:
Was immer 2016 in Rushville beginnt, endet zehn Jahre später ganz offensichtlich nicht gut.
Dadurch bekommt praktisch jede weitere Szene zwischen Hal und John automatisch eine zusätzliche Ebene.
Wir wissen bereits, dass diese Beziehung irgendwohin führt.
Nur nicht wohin.
Und genau damit hat mich die Serie.
Der Zeitensprung ist riskant – aber genau das braucht das DCU
Ich mag, dass „Lanterns“ hier nicht auf Nummer sicher spielt.
Hal Jordan gehört zu den wichtigsten Green Lanterns überhaupt.
Eine neue DCU-Serie einzuführen und bereits in Folge 1 seinen offenbar toten Körper zu zeigen, ist keine besonders vorsichtige Entscheidung.
Aber genau solche Entscheidungen machen Serien interessant.
Das Ziel kann schließlich kaum sein, die Comics möglichst sauber nachzustellen.
Ich möchte überrascht werden.
Solange die Autoren wissen, warum sie diese Veränderungen vornehmen.
Chris Mundy hat selbst erklärt, dass die Staffel mit zwei Zeitlinien und damit auch zwei miteinander verbundenen Mysterien arbeitet. Der Pilot macht dieses Konzept nun ziemlich unmissverständlich deutlich.
Auch die Nebenfiguren machen Rushville interessant
Kelly Macdonald gefällt mir als Sheriff Kerry Kane bereits sehr gut.
Sie ist weder das obligatorische inkompetente Kleinstadt-Cop-Klischee noch sofort Hals begeisterte Verbündete.
Sie besitzt ihre eigene Autorität.
Und Hal muss damit leben.
Garret Dillahunts William Macon wirkt dagegen schon nach wenigen Szenen wie jemand, bei dem man besser nicht zu lange auf der Ranch bleibt.
Reich.
Einflussreich.
Bewaffnete Männer überall.
Und angeblich hat selbst er noch jemanden über sich, dessen Namen er nicht nennen darf.
Dazu kommt Poorna Jagannathan als Zoe, deren Begegnung mit John sicherlich noch einige unangenehme Konsequenzen haben dürfte.
Der Pilot packt dadurch ziemlich viele Figuren auf das Brett.
Vielleicht sogar ein paar zu viele.
Gerade im Mittelteil merkt man, wie viel die Episode gleichzeitig vorbereiten möchte.
Noch funktioniert es.
Aber die nächsten Folgen müssen einige dieser Fäden auch wirklich aufnehmen.
Das größte Plus: Lanterns fühlt sich wie eine HBO-Serie an – nicht wie Content
Und vielleicht ist das mein wichtigster Eindruck nach Episode 1.
„Lanterns“ wirkt nicht wie eine Serie, die hauptsächlich existiert, weil auf einer DCU-Folie noch ein Streamingprojekt gefehlt hat.
Sie besitzt einen eigenen Stil.
Eine eigene Geschwindigkeit.
Eine eigene Atmosphäre.
Vor allem behandelt sie John Stewart und Hal Jordan wie Figuren und nicht wie Marken.
Das klingt eigentlich selbstverständlich.
Im Superheldenbereich ist es das leider längst nicht mehr.
„Lanterns“ versucht nicht, uns mit dem DCU zu beeindrucken.
Die Serie versucht zuerst einmal, eine gute Geschichte zu erzählen.
Die Comixdealer-Wertung für Lanterns Episode 1
Mein Fazit: Wenn Lanterns dieses Niveau hält, hat DC hier etwas Besonderes
Nach nur einer Episode möchte ich natürlich noch keine neue HBO-Meisterwerk-Urkunde ausstellen.
Dafür ist noch viel zu viel offen.
Vor allem muss die Serie beweisen, dass die sehr geerdete Herangehensweise irgendwann überzeugend mit der riesigen kosmischen Green-Lantern-Welt zusammenfindet.
Aber als Pilot funktioniert das erstaunlich gut.
Kyle Chandler gibt Hal Jordan etwas Abgekämpftes und Unberechenbares. Aaron Pierre ist als John Stewart der perfekte Gegenpol. Kelly Macdonald passt hervorragend in diese Welt, und der Nebraska-Fall besitzt genau genug Merkwürdigkeiten, damit ich wissen möchte, was hier eigentlich los ist.
Vor allem aber traut sich die Folge mit ihrem Zeitsprung und dem vermeintlichen Tod von Hal Jordan direkt eine ziemlich große Entscheidung.
„Lanterns“ ist nach Episode 1 noch nicht die große Green-Lantern-Space-Opera. Aber vielleicht ist genau das der clevere Zug: Erst interessieren mich diese Menschen – und danach darf das Universum explodieren. Ich bin definitiv bei Folge 2 dabei.
💬 Wie hat euch der Auftakt gefallen?
Funktioniert der düstere „True Detective“-Ansatz für euch bei Green Lantern? Wie gefallen euch Kyle Chandler und Aaron Pierre – und was glaubt ihr steckt wirklich hinter dem Ende von Folge 1? Schreibt eure Theorien gerne in die Kommentare.
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WhatsApp-Kanal abonnierenQuellen & weiterführende Informationen: HBO / Warner Bros. Discovery Pressroom – offizielle Angaben zu „Lanterns“; Entertainment Weekly – Interviews und Hintergrund zur Doppel-Zeitlinie; Gizmodo/io9 – Episode-1-Recap; Bild- und Videomaterial: HBO Max / DC Studios. Redaktionelle Bewertung: Comixdealer Magazin.
