Silent Jenny Kritik: Schönheit am Ende der Welt
Die Silent Jenny Kritik beginnt mit einer Welt, die gleichzeitig wunderschön und vollkommen kaputt ist. Mathieu Bablet braucht dafür weder Zombies noch einen Atomkrieg: In seiner ökologischen Postapokalypse sind unter anderem die Bienen verschwunden – und mit ihnen eine der Grundlagen, auf denen unsere heutige Zivilisation überhaupt funktioniert.
Der Klimawandel hat die Erde dauerhaft verändert, weite Gebiete sind unbewohnbar geworden und die verbliebenen Menschen ziehen in gigantischen motorisierten Dörfern durch verwüstete Landschaften.
Mitten darin lebt Jenny.
Sie sucht nach erhaltenem genetischem Material und vor allem nach Spuren von Bienen-DNA. Denn vielleicht ließe sich damit etwas zurückholen, das längst verloren scheint.
Doch „Silent Jenny“ ist deutlich mehr als eine Geschichte über die Suche nach ausgestorbenen Insekten.
Bablet erzählt von Verlust, Öko-Angst, Kapitalismus, Gemeinschaft und einer ziemlich unbequemen Frage:
Was, wenn Hoffnung nicht bedeutet, die alte Welt zurückzubringen – sondern endlich zu lernen, in einer neuen zu leben?
Kurz eingeordnet
„Silent Jenny“ ist ein monumentaler Science-Fiction-Comic mit spektakulärem Worldbuilding und teilweise überwältigenden Bildern. Inhaltlich bleibt Mathieu Bablet seinen großen Themen treu: Ökologie, soziale Systeme, Kapitalismus und die Frage, welche Zukunft wir eigentlich bauen wollen. Allerdings ist der Band kein leicht konsumierbares Abenteuer. Die Erzählung ist dicht, Jenny bewusst schwer greifbar und manche Ideen bekommen mehr Raum als die Figuren. Visuell ist das Ding dagegen nahezu unanständig gut.
Die Erde existiert noch – aber sie gehört uns nicht mehr
Bablets Ausgangspunkt ist gerade deshalb so effektiv, weil es keinen einzelnen großen Weltuntergang gibt.
Die Menschheit wurde nicht an einem Dienstag um 14:37 Uhr von Aliens vernichtet.
Stattdessen sieht diese Zukunft eher wie die Konsequenz vieler kleiner und großer Entscheidungen aus, die zu lange ignoriert wurden.
Ökosysteme kollabieren. Bestäuber verschwinden. Landwirtschaft funktioniert nicht mehr wie früher und ganze Regionen werden lebensfeindlich.
Die Menschen passen sich trotzdem an.
Denn Menschen tun das immer.
Ein Großteil der Überlebenden lebt nun in gewaltigen mobilen Gemeinschaften – den sogenannten Monaden.
Diese Maschinen sind fahrende Städte, Wohnungen, Arbeitsplätze und soziale Systeme zugleich.
Das Interessante daran ist, dass Bablet diese Konstruktionen nicht einfach als cooles Science-Fiction-Design benutzt.
Die Monaden erzählen selbst etwas über diese neue Gesellschaft.
Wer darf dort leben?
Welche Regeln gelten?
Wer verfügt über Ressourcen?
Und welche Strukturen aus unserer heutigen Welt haben selbst den ökologischen Zusammenbruch erstaunlich gut überstanden?
Die Antwort lautet leider unter anderem: Konzerne und Machtgefälle.
Jenny sucht nach Bienen – aber eigentlich sucht sie nach der verlorenen Welt
Jenny gehört zu einer Gruppe, die den Meeresboden nach verwertbarem genetischem Material absucht.
Ihr persönliches Ziel sind allerdings die Bienen.
Bestäuber gehörten zu den frühen Opfern des ökologischen Kollapses und ihr Verschwinden hat für die Menschheit drastische Folgen.
Sollte Jenny noch brauchbare DNA finden, könnte Klonen vielleicht eine Rückkehr ermöglichen.
Zumindest theoretisch.
Doch je länger man ihrer Suche folgt, desto deutlicher wird, dass es dabei nicht nur um Biologie geht.
Jenny klammert sich an die Vorstellung, dass etwas von früher wiederhergestellt werden kann.
Während andere Menschen längst versuchen, innerhalb der neuen Realität eine Zukunft aufzubauen, schaut sie permanent zurück.
Dadurch wird die Silent Jenny Kritik für mich auch interessanter als eine reine Öko-Dystopie.
Denn Jenny steht stellvertretend für etwas sehr Menschliches:
Wir wissen oft, dass etwas vorbei ist – und können es trotzdem nicht loslassen.
Ihre Mission ist deshalb gleichzeitig Hoffnung und Obsession.
Und genau diese Ambivalenz macht den Charakter spannend.
Vielleicht sucht Jenny irgendwann weniger nach Bienen als nach dem Beweis, dass die Vergangenheit doch noch zurückkommen kann.
Mathieu Bablet baut keine Kulisse – er baut eine komplette Zivilisation
Und hier kommen wir zur größten Stärke des Albums.
Dem Worldbuilding.
Bablet besitzt eine Fähigkeit, die nur wenige Comiczeichner wirklich beherrschen: Er kann Größenverhältnisse spürbar machen.
Menschen wirken winzig.
Maschinen gigantisch.
Landschaften unendlich.
Architektur wirkt organisch gewachsen, anstatt einfach nur futuristisch designt zu sein.
Vor allem sehen seine Orte so aus, als würden Menschen tatsächlich darin leben.
Die Technik besitzt Kratzer, Kabel, Reparaturen und sichtbare Mechanik.
Nichts wirkt steril.
Bablet selbst nennt unter anderem Hayao Miyazaki und „Death Stranding“ als wichtige Einflüsse.
Das überrascht kaum.
Von Miyazaki kommt dieses faszinierende Nebeneinander aus ökologischer Katastrophe und Schönheit.
Aus „Death Stranding“ erkennt man wiederum die Einsamkeit riesiger Landschaften, das Gefühl beschwerlicher Expeditionen und die Frage, wie Menschen trotz räumlicher und emotionaler Distanz miteinander verbunden bleiben.
Trotzdem wirkt „Silent Jenny“ nie wie eine Kopie.
Bablet hat inzwischen eine visuelle Sprache, die man nach wenigen Panels erkennt.
Andere Comics zeigen uns eine Zukunft. Mathieu Bablet vermittelt das Gefühl, dass seine Zukunft bereits seit Jahrzehnten existiert und wir nur für ein paar Stunden zu Besuch sind.
Die Technologie sieht aus, als müsste sie jeden Moment auseinanderfallen – perfekt
Besonders gelungen finde ich Bablets Technikdesign.
Hier glänzt nichts wie frisch aus einer futuristischen Fabrik.
Schutzanzüge wirken wie Arbeitsgeräte.
Knöpfe sind groß.
Maschinen sind klobig.
Kabel liegen sichtbar herum.
Vieles vermittelt den Eindruck, dass es bereits zehnmal repariert und irgendwie noch einmal zusammengeflickt wurde.
Das ist mehr als hübsches Produktionsdesign.
Denn auch hier erzählt die Optik etwas über die Welt.
Diese Gesellschaft kann nicht permanent konsumieren und ersetzen.
Sie muss erhalten.
Reparieren.
Wiederverwenden.
Und dadurch steckt selbst in der Technik eine ökologische Ebene.
Silent Jenny will mehr sein als „Klimawandel ist schlecht“
Zum Glück macht Bablet aus seinem Thema keinen 300 Seiten langen erhobenen Zeigefinger.
Natürlich ist „Silent Jenny“ politisch.
Das soll der Comic auch sein.
Bablet selbst bezeichnet Science-Fiction als ein Genre, das gesellschaftliche Entwicklungen hinterfragen muss.
Allerdings interessiert ihn weniger eine moralische Lektion als die Frage, was nach einem Kollaps eigentlich passiert.
Wie organisiert man eine Gesellschaft neu?
Welche alten Strukturen übernimmt man?
Welche sollte man besser begraben?
Und warum gelingt es wirtschaftlicher Macht offensichtlich selbst nach einer ökologischen Katastrophe, wieder ziemlich schnell oben zu landen?
Dadurch geht der Band über klassische Katastrophen-SF hinaus.
Die spannendste Frage lautet nicht:
Wie können wir die alte Welt retten?
Sondern eher:
Welche Welt wollen wir danach überhaupt noch haben?
Trotzdem verliert sich Bablet manchmal in seiner eigenen Welt
Bei all der Begeisterung gibt es allerdings auch einen Punkt, an dem „Silent Jenny“ für mich nicht ganz mit seiner visuellen Brillanz mithalten kann.
Die Geschichte ist unglaublich dicht.
Neue Gesellschaften, Gruppen, Systeme, Orte und Ideen werden ständig eingeführt.
Das sorgt einerseits dafür, dass die Welt lebendig wirkt.
Andererseits entstehen dadurch Passagen, in denen man mehr über das Universum erfährt als über die Menschen darin.
Gerade Jenny bleibt lange bewusst verschlossen.
Das ist thematisch nachvollziehbar, denn Isolation und Depression gehören zur Figur.
Emotional kann dadurch allerdings Distanz entstehen.
Man versteht ihre Motivation.
Man versteht ihren Schmerz.
Aber nicht jeder Leser wird automatisch eine starke Bindung zu ihr entwickeln.
Der Knackpunkt
„Silent Jenny“ besitzt eine Welt, in der ich mich sofort verlieren konnte. Bei Jenny selbst hat es etwas länger gedauert.
Interessanterweise ist genau das auch der Punkt, an dem die Reaktionen auf den Comic auseinandergehen.
Während einige Leser gerade Jennys melancholische Entwicklung besonders stark finden, kritisieren andere, dass das enorme Worldbuilding die Figuren teilweise überstrahlt.
Beide Sichtweisen kann ich verstehen.
312 Seiten – und trotzdem manchmal ein seltsamer Rhythmus
„Silent Jenny“ ist ein echter Brocken.
Und das nicht nur körperlich.
Bablet nimmt sich Zeit für Landschaften, gesellschaftliche Strukturen und stille Momente.
Das gefällt mir grundsätzlich.
Gerade diese Ruhe ermöglicht es den Bildern, ihre Wirkung zu entfalten.
Allerdings ist nicht jede Passage gleich stark.
Manche Abschnitte könnten etwas konzentrierter erzählt sein, während andere wichtige Entwicklungen überraschend schnell vorbeiziehen.
Dadurch wirkt der Rhythmus gelegentlich eigenwillig.
Dennoch möchte ich diese Langsamkeit nicht grundsätzlich missen.
Denn ein großer Teil der Wirkung entsteht eben gerade dadurch, dass Bablet uns nicht permanent zur nächsten Plotwendung hetzt.
Optisch ist das Ding allerdings schlicht ein Brett
Es gibt Comics, bei denen eine hohe Bewertung für die Zeichnungen schnell nach Floskel klingt.
Hier nicht.
Bablets Seiten sind teilweise spektakulär.
Sein Gespür für Architektur, Dimensionen und Farbe gehört für mich aktuell zur europäischen Spitze.
Dabei sind die Seiten trotz des enormen Detailreichtums erstaunlich lesbar.
Er weiß genau, wann eine Szene viele kleine Panels braucht und wann eine große Landschaft das Tempo vollständig bremsen darf.
Dadurch entsteht tatsächlich etwas Filmisches.
Bablet hat selbst erklärt, dass er „Silent Jenny“ gedanklich zunächst beinahe wie einen Animationsfilm inszeniert.
Das sieht man.
Wenn ihr Comics auch deshalb kauft, weil ihr euch minutenlang in einer Doppelseite verlieren wollt: Hier seid ihr richtig.
Fast 50 Euro – viel Geld, aber auch verdammt viel Comic
49,80 Euro sind natürlich kein Taschengeld.
Allerdings bekommt man dafür auch keinen normalen 48-Seiten-Band.
Die deutsche Splitter-Ausgabe umfasst 312 großformatige Farbseiten im Hardcover und bringt laut Produktangaben fast zwei Kilogramm auf die Waage.
Dazu kommt ein exklusives Artbook sowie ein Dankschreiben von Mathieu Bablet – solange der Vorrat reicht.
Gerade bei diesem Comic ergibt das Artbook tatsächlich Sinn.
Denn das Design dieser Welt ist ein so wesentlicher Teil des Erlebnisses, dass zusätzliche Entwürfe und Illustrationen eben nicht nur wie ein beliebiges Bonus-Gimmick wirken.
Die Comixdealer-Wertung
Mein Fazit: Schönheit, Melancholie und eine Zukunft, die unangenehm nah wirkt
„Silent Jenny“ ist kein perfekter Comic.
Dafür ist er mir erzählerisch stellenweise etwas zu voll, während Jenny selbst lange erstaunlich weit entfernt bleibt.
Aber Mathieu Bablet erschafft hier eine Welt, die ich nach dem Zuklappen nicht sofort vergessen konnte.
Seine Monaden, Schutzanzüge, Landschaften und fremdartigen Gesellschaften sehen nicht nur großartig aus. Sie vermitteln tatsächlich das Gefühl, dass sich die Menschheit nach einem ökologischen Zusammenbruch neu organisiert hat.
Gleichzeitig bleibt die Geschichte überraschend persönlich.
Denn hinter allen Diskussionen über Klimawandel, Kapitalismus und gesellschaftliche Systeme steckt letztlich eine Frau, die etwas zurückhaben möchte, das vielleicht endgültig verloren ist.
Die Silent Jenny Kritik endet deshalb mit einer klaren Empfehlung – allerdings nicht für Leser, die einfach nur schnelle Postapokalypse suchen. Wer sich auf langsame Science-Fiction, großes Worldbuilding und Bilder zum Versinken einlassen kann, bekommt hier einen der visuell beeindruckendsten SF-Comics des Jahres.
🎯 Für wen ist Silent Jenny?
Für Fans von Mathieu Bablets „Shangri-La“ und „Carbon & Silizium“, für Freunde anspruchsvoller Science-Fiction und ökologischer Zukunftsszenarien sowie für Leser, die sich gerne in detailreichen Welten verlieren. Wer hauptsächlich rasante Action oder eine sehr unmittelbar emotionale Hauptfigur erwartet, sollte dagegen etwas Geduld mitbringen.
Direkt beim Comixdealer
Silent Jenny von Mathieu Bablet
Hardcover · 312 Seiten · Splitter · 49,80 € · mit exklusivem Artbook und Dankschreiben, solange der Vorrat reicht · innerhalb Deutschlands versandkostenfrei.
Silent Jenny beim Comixdealer ansehen →💬 Wie steht ihr zu Mathieu Bablet?
Gehört für euch „Carbon & Silizium“ weiterhin an die Spitze oder könnte „Silent Jenny“ euer neuer Favorit werden? Und wie wichtig ist euch bei Science-Fiction eigentlich das Worldbuilding im Vergleich zu den Figuren? Schreibt eure Meinung gerne in die Kommentare.
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WhatsApp-Kanal abonnierenQuellen & Transparenz: Produktdaten und Bildmaterial: Comixdealer und Splitter Verlag. Hintergrundinformationen: Interview mit Mathieu Bablet bei L’Éclaireur/Fnac sowie französische Rezensionen und Leserreaktionen bei BDGest. Redaktionelle Einordnung und Wertung: Comixdealer Magazin.
