Justice League von Grant Morrison Kritik: Als die JLA wieder zu Göttern wurde
Die Justice League von Grant Morrison Kritik beginnt mit einer ziemlich einfachen Feststellung: Wenn man wissen möchte, warum die Justice League im besten Fall nicht einfach nur aus sieben populären Superhelden besteht, sondern wie ein verdammtes Pantheon wirken kann, dann landet man früher oder später bei diesem Run.
Grant Morrison übernahm die JLA Ende der 90er und stellte die großen Namen wieder gemeinsam ins Zentrum: Superman, Batman, Wonder Woman, Flash, Green Lantern, Aquaman und Martian Manhunter.
Doch entscheidend war nicht nur die Besetzung.
Entscheidend war die Größenordnung.
Bei Morrison kämpft die Justice League nicht gegen den Superschurken der Woche. Hier kommen außerirdische Invasoren, Realität verbiegende Katastrophen, göttliche Tyrannen und Gegner ins Spiel, bei denen selbst Superman irgendwann feststellen muss, dass die Sache vielleicht doch etwas größer geworden ist.
Das Ergebnis ist manchmal wahnsinnig, gelegentlich sperrig und zeichnerisch unverkennbar 90er.
Aber wenn diese JLA funktioniert, dann funktioniert sie gewaltig.
Kurz eingeordnet
Grant Morrisons JLA ist Superheldencomic im maximalen Breitwandformat: große Ideen, noch größere Bedrohungen und eine Justice League, deren Mitglieder bewusst wie moderne Götter inszeniert werden. Nicht jede Zeichnung ist zeitlos und Morrisons Hang zu Konzepten, Parallelwelten und kosmischem Wahnsinn verlangt manchmal Aufmerksamkeit. Dafür enthält dieser Band einige der einflussreichsten und schlicht unterhaltsamsten Justice-League-Geschichten überhaupt.
Als die Justice League wieder die Justice League sein durfte
Um zu verstehen, warum Morrisons Run bis heute einen solchen Ruf genießt, muss man sich kurz klarmachen, wie simpel seine Grundidee eigentlich war.
Die Justice League sollte wieder aus den größten Helden von DC bestehen.
Nicht aus einer Ansammlung von Figuren, die gerade zufällig keine eigene Serie hatten.
Sondern aus den Schwergewichten.
Superman. Batman. Wonder Woman. Aquaman. Martian Manhunter. Dazu Wally West als Flash und Kyle Rayner als Green Lantern.
Morrison behandelt diese Figuren deshalb weniger wie normale Teammitglieder und mehr wie unterschiedliche Archetypen.
Superman ist die Hoffnung. Batman ist der menschliche Verstand. Wonder Woman verkörpert Kriegerin und Mythos. Flash ist Bewegung, Green Lantern Wille und Vorstellungskraft.
Gemeinsam wirken sie nicht wie eine Einsatzgruppe.
Sie wirken wie ein modernes Götterpantheon.
Morrisons wichtigster Trick: Wenn deine Helden praktisch Götter sind, musst du ihnen Probleme geben, bei denen selbst Götter nervös werden.
New World Order: Vier Hefte reichen, um die komplette Marschrichtung festzulegen
Schon der Auftakt „New World Order“ macht ziemlich deutlich, was Morrison mit dieser Serie vorhat.
Ein neues Team namens Hyperclan taucht auf der Erde auf. Diese vermeintlichen Helden wirken moderner, effizienter und teilweise sogar mächtiger als die etablierte Justice League.
Und natürlich dauert es nicht lange, bis sich die Frage stellt, ob Superman und seine Freunde vielleicht tatsächlich ersetzt werden könnten.
Was zunächst nach einer relativ klassischen Geschichte über neue Superhelden aussieht, entwickelt sich schnell in eine andere Richtung.
Dabei funktioniert der Arc vor allem deshalb so gut, weil Morrison sofort die unterschiedlichen Stärken des Teams demonstriert.
Nicht jedes Problem lässt sich durch rohe Kraft lösen.
Und spätestens hier beginnt außerdem eine Tradition dieses Runs: Batman sollte man selbst dann nicht unterschätzen, wenn alle anderen im Raum fliegen können.
Batman zwischen Göttern – und trotzdem vielleicht der gefährlichste Mann im Raum
Über kaum einen Aspekt dieser JLA wird bis heute so viel gesprochen wie über Morrisons Batman.
Und das hat einen Grund.
Bruce Wayne besitzt in dieser Gruppe objektiv die schlechtesten Karten.
Er kann keine Berge stemmen, nicht durch den Weltraum fliegen und keine Konstruktionen aus reiner Willenskraft erschaffen.
Trotzdem schafft Morrison es immer wieder, Batman glaubwürdig auf Augenhöhe mit Superman und den anderen zu halten.
Nicht indem plötzlich so getan wird, als könnte Bruce einen Kryptonier im Armdrücken besiegen.
Sondern weil er beobachtet.
Er denkt voraus.
Und während alle anderen noch versuchen herauszufinden, wie groß das Problem überhaupt ist, hat Batman häufig bereits erkannt, wo die Schwachstelle liegt.
Morrison macht ihn dabei teilweise fast schon beängstigend kompetent.
Gelegentlich kratzt das sicherlich an der Grenze zum später oft überstrapazierten „Batgod“-Klischee. Innerhalb dieser Geschichten funktioniert es allerdings erstaunlich gut, weil Batman genau das menschliche Gegengewicht zu all den Göttern darstellt.
Rock of Ages: Hier dreht Grant Morrison endgültig den Regler auf elf
Und dann kommt „Rock of Ages“.
Spätestens mit dieser Geschichte versteht man, warum Morrison gleichzeitig begeistert und manchen Leser auch komplett wahnsinnig machen kann.
Lex Luthor stellt eine neue Injustice Gang zusammen. Ein geheimnisvoller Stein spielt eine entscheidende Rolle. Parallelwelten, Zeitverschiebungen und alternative Zukünfte kommen ins Spiel.
Und irgendwann landet man an einem Punkt, an dem Darkseid praktisch die Wirklichkeit selbst verschluckt.
Das klingt irre.
Ist es auch.
Aber genau darin liegt der Reiz.
Andere Autoren schreiben eine Justice-League-Geschichte über Lex Luthor. Morrison startet bei Lex Luthor und landet irgendwann bei Darkseid, einer dystopischen Zukunft und der Frage, ob Realität überhaupt noch das ist, was sie vor sechs Seiten war.
„Rock of Ages“ ist keine Geschichte, die man nebenbei liest, während auf dem zweiten Bildschirm Netflix läuft.
Morrison komprimiert enorm viele Ideen auf relativ wenig Raum. Deshalb kann der Arc beim ersten Lesen auch etwas erschlagen.
Gleichzeitig steckt hier eine Form von Superheldenfantasie drin, die heute noch beeindruckend wirkt.
Morrison fragt nicht, ob eine Idee vielleicht zu groß für sechs Hefte ist.
Die Idee kommt einfach rein.
Prometheus: Was passiert, wenn Batman auf sein böses Spiegelbild trifft?
Ein weiterer Höhepunkt ist Prometheus.
Die Grundidee des Charakters könnte kaum besser zu Morrisons JLA passen.
Batman ist ein Mensch, der sein Leben darauf ausgerichtet hat, Verbrecher zu bekämpfen.
Prometheus funktioniert praktisch andersherum.
Er hat sich darauf vorbereitet, Helden zu bekämpfen.
Dadurch entsteht ein Gegner, der nicht einfach stärker sein muss als Superman oder schneller als Flash. Seine eigentliche Waffe ist Vorbereitung.
Plötzlich wird der Wachturm selbst zum gefährlichen Ort.
Außerdem funktioniert Prometheus hervorragend, weil Morrison damit das eigene Batman-Konzept des Runs gegen die League richtet: Was passiert, wenn jemand genauso methodisch denkt wie Bruce Wayne – nur eben auf der anderen Seite?
JLA: Earth 2 ist fast schon ein eigener Kaufgrund
Und dann packt Panini in diesen ohnehin riesigen Band auch noch „JLA: Earth 2“.
Hier arbeitet Morrison mit Frank Quitely zusammen – und allein dadurch bekommt die Geschichte optisch einen deutlich anderen Charakter.
Die Justice League begegnet dem Crime Syndicate, ihren verdrehten Gegenstücken aus einer anderen Realität.
Ultraman statt Superman.
Owlman statt Batman.
Superwoman statt Wonder Woman.
Power Ring statt Green Lantern.
Die Idee eines bösen Spiegelbilds ist natürlich älter als dieser Comic. Morrison interessiert sich allerdings nicht nur für die Frage, wer wen in einer Prügelei besiegen würde.
Viel spannender ist das System hinter dieser Welt.
Was passiert, wenn Gut und Böse nicht einfach Eigenschaften einzelner Figuren sind, sondern praktisch in der Struktur einer Realität verankert scheinen?
Dadurch wird „Earth 2“ zu einer dieser typischen Morrison-Geschichten, bei denen hinter einem zunächst einfachen Superheldenkonzept plötzlich eine ziemlich große philosophische Idee auftaucht.
Howard Porters Zeichnungen: mächtig, dynamisch – und eindeutig aus den 90ern
Bei aller Begeisterung muss man allerdings über Howard Porter reden.
Denn seine Zeichnungen werden vermutlich der Punkt sein, an dem moderne Leser am stärksten merken, dass diese Geschichten inzwischen fast drei Jahrzehnte auf dem Buckel haben.
Porter zeichnet groß.
Sehr groß.
Seine Figuren wirken kraftvoll, die Kämpfe besitzen Geschwindigkeit und nahezu jede Seite vermittelt, dass hier wirklich die mächtigsten Helden der Erde unterwegs sind.
Gerade für Morrisons permanente Eskalation ist das grundsätzlich die richtige Bildsprache.
Allerdings besitzt Porters Stil eben auch einige typische Merkmale seiner Zeit: harte Linien, teilweise extreme Körperhaltungen, sehr viel Detail und gelegentlich Seiten, auf denen optisch ziemlich viel gleichzeitig passiert.
Mir gefällt das innerhalb dieser Serie trotzdem.
Denn Morrisons JLA soll nicht klein, elegant und zurückhaltend sein.
Sie soll explodieren.
Und Porter lässt sie explodieren.
Wenn anschließend Frank Quitely bei „Earth 2“ übernimmt, wirkt der Unterschied allerdings enorm. Quitely arbeitet kontrollierter, klarer und besitzt ein unglaubliches Gespür für Körpersprache und seltsame kleine Details.
Deshalb gehört „Earth 2“ auch optisch zu den Höhepunkten des Bandes.
Was an Morrisons JLA heute noch erstaunlich modern wirkt
Das Interessanteste ist vielleicht, wie viele Ideen dieses Runs heute selbstverständlich erscheinen.
Die Justice League als globale erste Verteidigungslinie.
Der Wachturm als Basis.
Batman als strategischer Kopf zwischen übermächtigen Wesen.
Bedrohungen, die nicht nur eine Stadt, sondern Realität, Zeit oder ganze Welten betreffen.
Gleichzeitig behandelt Morrison die Helden als moderne Mythologie.
Das ist ein Ansatz, den spätere Justice-League-Geschichten immer wieder aufgegriffen haben.
Morrison zeigt ziemlich eindrucksvoll, warum Superman, Batman und Wonder Woman zusammen nicht einfach drei populäre Figuren sind.
Wenn diese Menschen beziehungsweise Wesen gemeinsam einen Raum betreten, sollte sich der Raum verändern.
Morrisons JLA versteht etwas, das nicht jede Justice-League-Serie versteht: Die größten Helden der Welt müssen sich auch wie die größten Helden der Welt anfühlen.
Wo der Klassiker heute etwas knirscht
Perfekt ist der Run trotzdem nicht.
Vor allem Leser, die Grant Morrison noch nicht kennen, könnten an einigen Stellen kurz die Orientierung verlieren.
Morrison erklärt nicht jede Idee dreimal.
Manchmal wird ein Konzept eingeführt, zwei Seiten später erweitert und anschließend bereits mit drei weiteren Ideen kombiniert.
Das macht diese Comics enorm reichhaltig, aber gelegentlich eben auch anstrengend.
Hinzu kommt die damalige DC-Kontinuität.
Superman sieht zeitweise anders aus, Figuren befinden sich in Zuständen ihrer damaligen Soloserien und manche Zusammenhänge werden für Leser, die 1997 nicht jeden DC-Comic verfolgt haben, etwas plötzlich wirken.
Man muss das alles nicht kennen, um der JLA folgen zu können.
Aber man merkt eben, dass diese Serie ursprünglich mitten in einem laufenden DC-Universum erschienen ist.
Auch emotional arbeitet Morrison häufig stärker mit Archetypen und Ideen als mit langen persönlichen Gesprächen.
Wer moderne Teamcomics hauptsächlich wegen ausführlicher Beziehungsdramen liest, bekommt hier etwas anderes.
Diese Justice League redet nicht drei Ausgaben über ihre Gefühle.
Sie verhindert währenddessen lieber den Untergang der Realität.
728 Seiten für 85 Euro – braucht man diese Deluxe Edition?
85 Euro sind natürlich eine Ansage.
Allerdings steckt in diesem ersten Band auch ein gewaltiger Brocken Comicgeschichte.
Panini sammelt JLA #1–23, „JLA: Secret Files and Origins #1“, „New Year’s Evil: Prometheus #1“, „JLA/WildC.A.T.S. #1“, „JLA: Earth 2“ und „Secret Origins #46“.
Damit bekommt man nicht einfach nur einen Ausschnitt, sondern einen sehr großen Teil der zentralen frühen Morrison-Phase plus mehrere wichtige Zusatzgeschichten.
Das größere Format von 18,3 × 27,7 cm passt außerdem grundsätzlich hervorragend zu Porters bombastischen Seiten und Quitelys detailliertem Artwork.
Da die deutsche Deluxe Edition erst am 25. August 2026 erscheint, bewerte ich an dieser Stelle bewusst nicht Papier, Bindung oder Druckqualität eines fertigen Exemplars.
Was man allerdings bereits beurteilen kann, ist die Zusammenstellung.
Und die ist stark.
Enthalten
JLA #1–23
JLA: Secret Files and Origins #1
New Year’s Evil: Prometheus #1
JLA/WildC.A.T.S. #1
JLA: Earth 2
Secret Origins #46
Die Comixdealer-Wertung
Mein Fazit: So groß sollte sich eine Justice League anfühlen
Grant Morrisons JLA ist für mich einer dieser Runs, bei denen man ziemlich schnell versteht, warum Jahrzehnte später noch darüber gesprochen wird.
Nicht weil jede einzelne Seite perfekt gealtert wäre.
Das Artwork von Howard Porter trägt unverkennbar die 90er in sich, und Morrison kann mit seinem Ideenfeuerwerk gelegentlich mehr verlangen, als man bei einem entspannten Sonntagnachmittag vielleicht geplant hatte.
Dafür bekommt man eine Justice League, die tatsächlich wie die mächtigste Heldengruppe der Welt wirkt.
„New World Order“ ist ein fantastischer Auftakt. „Rock of Ages“ ist völlig größenwahnsinniger Morrison-Wahnsinn. Prometheus funktioniert als großartiges Gegenstück zu Batman. Und „Earth 2“ gehört ohnehin zu den Geschichten, die man als DC-Fan einmal gelesen haben sollte.
Vor allem besitzt dieser Run etwas, das modernen Eventcomics trotz größerer Explosionen manchmal fehlt: echtes Staunen.
Wenn Superman, Batman, Wonder Woman und Co. gemeinsam antreten, sollte es sich anfühlen, als hätte jemand die Götter gerufen. Grant Morrison hat genau das verstanden.
🎯 Für wen ist die Deluxe Edition?
Für Justice-League-Fans sowieso. Besonders spannend ist der Band aber auch für Leser, die verstehen wollen, warum Morrisons JLA bis heute als eine der prägenden modernen Interpretationen des Teams gilt. Wer große Science-Fiction-Ideen, kosmische Bedrohungen und Superhelden in maximaler Größenordnung liebt, bekommt hier verdammt viel Comic fürs Regal.
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